b) Die Männer von Jericho in Pessachim IV, 8.

Posted 6 mos ago

Die eben erwähnten, dem Heiligthume geweihten Bäume in Jericho finden wir in anderer Gestalt in einem alten, sehr merkwürdigen Berichte wieder, der noch des Weiteren beleuchtet werden muss, weil er über die vorher berührte Frage manchen willkommenen Aufschluss darbietet. Die Mischna Pessachim IV, 8 erzählt nämlich Folgendes: ששה דברים עשו אנשי יריחו על שלשה מיחו בידם ועל שלשה לא מיחו בידם. מרכיבין דקלים כל היום וכורכין את שמע וקוצרין ונודשין לפני העומר. ואילו מיחו בידם מתירין גמזיות של הקדש ואוכלין מתחת הנשרים בשבת ונותנים פאה לירק ומיחו בידם חכמים‎ Schicken wir voraus, dass es sich um Handlungen und Bräuche der Leute von Jericho handelt, die sie zur Zeit des Tempelbestandes übten, denn es ist in der Aufzählung derselben von Omer und geweihten Bäumen die Rede, die nur unter den genannten Umständen vorkommen und Geltung haben konnten. Wir haben demnach in dieser Ueberlieferung ein Verzeichniss von Bräuchen und Gepflogenheiten aus Jericho, und zwar aus einer Zeit, die wir besonders beachten, weshalb jenes unser Interesse in erhöhtem Maasse beanspruchen darf. Um einen möglichst sichern Ausgangspunkt zu gewinnen, gehen wir in der Beleuchtung der sechs Fälle von demjenigen aus, der uns vorher beschäftigt hat; derselbe besagt, dass die Männer von Jericho den Genuss Gott geweihter Früchte1) gestatteten. Da es kaum anzunehmen ist, dass irgend Jemand die Frucht eines geheiligten Baumes genossen und die Zulässigkeit als eine berechtigte und begründete ausgesprochen haben soll, muss in dieser Meldung etwas nicht ganz Gewöhnliches enthalten sein; zu derselben Erkenntniss führt auch die nicht für die Frucht überhaupt gebräuchliche Bezeichnung גמזיות, die auf eine besondere Art von Bäumen schliessen lässt. In Wahrheit findet sich das Wort nur für die Frucht der Sykomore,1) die eigentlich ein leerer Baum ist und nur durch das Anpfropfen fremden Reises fruchttragend wird. Wir erfahren also aus dem Worte, dass es sich um die Früchte eines Sykomorenbaumes handelt, dessen unfruchtbarer Stamm
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1) Siehe j. Pessachim IV, 31b und Lewy, Ueber einige Fragmente aus der Mischna des Abba Saul, Seite 36, Note.


Gott geweiht wurde, und begreifen es nun, dass man sich den Genuss der Frucht gestattete, indem man sich, wie die Talmude bemerken, darauf berief, nur den Stamm geweiht zu haben. Nun spricht aber auch die Baraitha, die wir oben im Namen Abba Saul’s angeführt haben, von Sykomorenstämmen in Jericho, die man Gott geheiligt hatte und es stimmt nicht nur der Baum und das Weihen, sondern auch der Theil und die Art des Baumes, wie auch der Schauplatz des Vorfalles auf das Genaueste, so dass wir berechtigt sind, in der Mischna und Baraitha zwei einander ergänzende Theile eines Berichtes zu sehen. Hinzukommt noch der Umstand, dass die Thatsache des Weihens, wie wir bereits bemerkten, den Bestand des Tempels voraussetzt und da, wie wir wissen, sowohl die Mittheilungen der Mischna, als auch die Ueberlieferungen Abba Saul’s das letzte Jahrzehnt des Tempels behandeln, so gehören beide Berichte einer und derselben Zeit an, was ebenfalls für die Zusammengehörigkeit beider spricht. Diese nimmt sowohl der jerusalemische Talmud (Pessachim IV, 31b), als auch der babylonische (Pessachim 56b) an, indem sie beide bemerken, dass es sich in der Mischna um die Nachkommen der Eigenthümer der Bäume handle, die einst das Weihen der Sykomoren als Mittel gegen die Gewaltthätigkeit gebrauchten.
Doch ist es unwahrscheinlich, wenn die Zusammengehörigkeit der beiden Berichte zugestanden wird, dass von anderen Personen gesprochen werde, als denen, die die Bäume geweiht, wie auch dass von einer viel späteren Zeit die Rede sei, was doch die Annahme der Nachkommen voraussetzt. Aber es ist ebenso unwahrscheinlich, dass die einstigen Eigenthümer der Bäume, die sie geheiligt hatten, von denselben etwas hätten geniessen wollen, da wir uns dieselben, nachdem sie den Gewaltthätigen Widerstand leisten und ihr Eigenthum lieber dem Tempel widmen, als fromm zu denken haben, die sich gewiss nicht erlaubt hätten, Selbstgeheiligtes zu geniessen. Fügen wir noch hinzu, dass die Weisen den Männern von Jericho ihr in der Mischna berichtetes Verfahren wehren und dass wir die חכמים an all’ den Stellen, wo wir ihnen begegneten, stets im Gegensatze zu den Sadducäern und Priestern im Tempel antrafen; es kann demnach als hinlänglich erwiesen gelten, dass die Männer von Jericho nicht die Eigenthümer der Bäume, sondern die als Männer der Gewaltthat vorgeführten Priester sind,1) die sich gestatteten, die Früchte der ihnen durch Heiligung entzogenen Sykomoren zu geniessen, was ihnen die Weisen untersagten.
Auf diesen Fall folgt in der Mischna ואוכלים מתחת הנשרים בשבת schon die Baraitha (Pessachim 56a) und die Tosefta (Pessachim II, 21) konnten sich in dem Wortlaute dieses Berichtes wegen seiner Kürze nicht mehr zurechtfinden, denn sie geben denselben nur in erweiterter Form wieder, ohne aber dass ihr Zusatz eine auch nur theilweise einleuchtende Begründung des schwer verständlichen Inhaltes bieten würde. Sie sagen, פורצין פרצות בגנותיהן ובפרדסותיהם להאכיל נשר לעניים בשני בצורת בשבתות ובימים טובים‎ wobei, wie es augenblicklich auffallen muss, ausser anderen auch der Wechsel stattgefunden hat, dass nicht die Männer von Jericho die Früchte essen, wie es die Mischna unzweideutig angibt, sondern die Armen, denen sie dieselben zu essen geben, wofür in der wohl kurz, aber unmissverständlich gefassten Stelle nicht die leiseste Andeutung vorhanden ist. Wäre dieses der Sinn des Satzes, es wäre nichts einfacher gewesen, als das im unmittelbar vorhergehenden Falle gebrauchte מתירין zu wiederholen oder es auch hierher zu beziehen; dass es nicht geschah, zeugt genügend dafür, dass אוכלין nichts Anderes bedeuten könne, als was das Wort selber besagt. Noch weniger Grund bietet die Mischna für die hinzugefügte Zeitbestimmung »in den Jahren der Dürre an Sabbathen und Festtagen«; denn es ist unbegreiflich, wie der Redactor oder Bearbeiter dieser Mischna, wenn sie ursprünglich von einer Zeit der Hungersnoth und von Festtagen sprach, diesen für das Verständniss der Stelle wichtigen, ja unentbehrlichen Theil gestrichen und es dem Leser überlassen haben sollte, die in der gekürzten Form auch nicht angedeutete aussergewöhnliche Gelegenheit des Vorfalles sich zu ergänzen. Es sprechen sonach innere Gründe gegen die von der Baraitha gebotene Auffassung der Mischnastelle und wir müssen auch hier aus dem Wortlaute selbst den einfachen Sinn zu erschliessen versuchen. Doch ist es unerlässlich, zuvörderst die Richtigkeit des überlieferten
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1) Auch Chwolson, Das letzte Passahmahl, Seite 20, Note 3 sagt: Die Hohenpriester rissen die Häute der zahlreichen Opferthiere an sich, die Maulbeerfeigenbäume nahmen sie mit Gewalt den Besitzern weg.


Textes zu prüfen; da nämlich die Baraitha zu dem knappen Satze ואוכלים מתחת הנשרים בשבת‎ sowohl vor, als auch nach demselben je einen hinzufügt und sich die Zuthat von dem Grundstocke genau scheiden lässt, wollen wir sehen, welcher Wortlaut dem Verfasser der in der Baraitha enthaltenen alten Erklärung als Text diente. Lassen wir einfach die von ihm hinzugefügten beiden Sätze weg, so bleibt ואוכלים מתחת הנשרים ‎nichts mehr. Nun hat unsere Mischna noch das Wort בשבת zum Schlusse; soll dieses etwa nicht dem ursprünglichen Wortlaute der Mischna angehört haben und erst aus der Baraitha hinzugetreten sein? Der Zweifel, wie man wohl zugeben wird, ist nicht unbegründet, denn warum sollte nur der Sabbath und nicht auch die hierin ihm gleichgestellten Festtage genannt sein? Doch wie sich hievon überzeugen? Die Sicherheit einer auf innere Gründe gebauten Vermuthung kann auch nicht immer der Bestätigung von handschriftlichen Ueberlieferungen entrathen und wir wollen deshalb die alten Texte befragen. Merkwürdigerweise fehlt das Wort בשבת in einer Reihe von Handschriften, so in der Cambridger (ed. Lowe) und in mehreren bei Rabbinowicz verzeichneten, ausserdem hatte es R. Chananel, Raschi und R. Jonathan nicht.1) Es ist also nicht bloss wahrscheinlich, sondern fast sicher, dass der Bericht ursprünglich gelautet hat, ‏,מתירין גמזיות של הקדש ואוכלים מתחת הנשרים‎ die Priester von Jericho gestatteten den Genuss der גמזיות von den geweihten Bäumen und assen auch von dem, was herabgefallen war. Wenn auch der Sinn des letzten Satzes nicht ganz klar und durchsichtig ist, da doch die gefallenen Früchte bereits unter den גמזיות inbegriffen sind, passt derselbe dennoch ohne jede Deutelei, auf die einfachste Weise zu dem Vorhergehenden und schliesst sich dem in demselben ausgedrückten Gedanken ungekünstelt an und nur die Annahme, dass diese Stelle über eine ungewöhnliche Zeit berichtet, hat den Zusatz der Tosefta erzeugt. Es ist auch leicht zu errathen, warum die Weisen gerade den Priestern es verwehrten, diese eigentlich gar nicht heiligen Früchte der geweihten Bäume zu geniessen; das Volk, das sich in solchen Fragen nach diesen richtete, sollte nicht sehen, dass die Priester das dem Tempel Geweihte für sich verwenden und
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1) Siehe Rabbinowiez, Dikduke Soferim, Pessachim, Seite 82, Note ת.


dadurch die strenge Hochhaltung des Geheiligten lockern, auch sollten sie diese Früchte schon deshalb nicht geniessen, um nicht zur Verwendung wirklicher Heiligthümer zu gelangen, zu der sie in Wahrheit geneigt waren.
Der dritte von den Weisen untersagte Punkt gibt davon Kunde, dass die Männer von Jericho die nur für Getreide vorgeschriebene Ecke des Feldes für die Armen auch von Grünzeug stehen liessen. Es ist sehr auffallend, dass die pharisäischen Gesetzeslehrer, anstatt der Bethätigung der Herzensgüte freien Lauf zu lassen, sich veranlasst sahen, Leute, die den Armen mehr, als vorgeschrieben war, geben wollten, daran zu hindern. Die Baraitha und Tosefta geben als Grund dieses Verfahrens den Umstand an, weil nur die dem vorgeschriebenen Maasse entsprechende Feldecke von den priesterlichen Abgaben frei ist, dagegen alles über das gebotene Maass Gegebene der Abgabenpflicht unterliegt; die Armen demnach, welche die Ecke eines mit Grünzeug bepflanzten Feldes geniessen, Unverzehntetes essen, was die Weisen veranlasst haben soll, den Eigenthümern zu verbieten, die Ecke der Grünzeugsfelder stehen zu lassen. Es braucht nicht erst besonders erwiesen zu werden, dass diese Begründung nicht einfach und einleuchtend, sondern fernliegend und unwahrscheinlich ist. Dagegen liegt es bei reiflicher Erwägung der hier mitgetheilten Thatsache selbst nahe, an die Befürchtung, die sich auch sonst an eine das vorgeschriebene Maass überschreitende Gesetzeserfüllung knüpft, zu denken; dass nämlich aus dieser zu weit gehenden Handlung Schlüsse gezogen werden und zu unberechtigten Forderungen Veranlassung geben könnten. Wer da wahrnimmt, dass auch von Grünzeug Peah gelassen wird, wird unwillkührlich zu der Folgerung geleitet, dass, sowie die Feldecke, auch alle anderen Abgaben von Grünzeug zu liefern seien, was ein völlig unberechtigtes Verlangen zur Folge haben könnte. Nun ist es selbstverständlich, dass zu solchen Forderungen nur Priester gelangen konnten, die, vor keinem Mittel dieser Art zurückschreckend, Alles an sich rissen, was nur zu erreichen war, und auch den Levitenzehnt mittels bewaffneter Sklaven aus den Tennen holen liessen,1) also auch von Grünzeug, das in Jericho ohne Zweifel in grossen
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1) Antiquit. XX, 8, 8; vgl. oben Seite 86.


Massen gepflanzt wurde, die Abgaben fordern möchten. Sie mögen die Besitzer von Aeckern und die Grünzeugspflanzer veranlasst haben, auch von diesen Bodenerträgnissen die Ecke für die Armen stehen zu lassen, um sich hiedurch die Grundlage zur Forderung, dass auch Grünzeug zu verzehnten sei, auf einfache Weise zu schaffen. Sie selbst, die in Jericho gewiss Felder besassen, gingen mit dem Stehenlassen der Feldecke voran, um zur Nachahmung anzuregen und es fanden sich sicherlich Viele, die ihnen hierin, ohne die Absicht und den Endzweck zu ahnen, Heeresfolge leisteten; besonders, wenn wir annehmen, dass ein beträchtlicher Theil der Felder mit Grünzeug bepflanzt war, was die Eigenthümer selbst veranlasste, von diesen ihren oft vielleicht ausschliesslichen Bodenerträgnissen den Armen einen Theil zukommen zu lassen. Dass Priester diesen Weg, wenn auch nicht immer von Eigennutz geleitet, beschritten, beweist ein lehrreiches Beispiel; in Challa IV, 11 wird erzählt, der Priester Josef habe einmal Erstlinge von Wein und Oel in den Tempel gebracht, die aber, trotzdem sie vom Standpunkte des Gesetzes zu rechtfertigen waren, doch dem allgemeinen Brauche, solche nur von Früchten zu bringen, widersprachen, zurückgewiesen wurden, um keinen Anhaltspunkt zur Steigerung der priesterlichen Ansprüche zu bieten.1) Ein Anderer, ben-Antinous brachte Erstgeborene aus Babylonien und obwohl auch dieses zulässig war, wies man den Uebereifrigen ab, um, wie in dem ersten Falle, den Priestern die Möglichkeit, ein Anrecht auf Erstgeborene im Auslande geltend zu machen, zu entziehen. Der Talmud2) hat uns einen Bericht auch über die uns beschäftigende Feldecke selbst bewahrt; ben-Bohjon liess diese von Grünzeug, da kam gerade sein Vater dazu, nahm dieselbe den Armen weg und ersetzte sie ihnen mit anderer Frucht, indem er zu seinem Sohne ausdrücklich sagte, dass er nur aus dem Grunde so vorgehe, weil
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1) Vgl. Geiger in Jüdische Zeitschrift V, Seite 80. Es ist derselbe Priester, dem wir bereits oben Seite 55 begegneten; dort nimmt er an dem Ersatzpessachopfer Theil und geht in der Erfüllung des Gesetzes ebenfalls zu weit. So wie wir dort eine öffentliche, allgemeine Feier annahmen, dürfte auch hier eine allgemeine Darbringung der Erstlinge, an der sich Josef betheiligte, gemeint sein, dieselbe, welche in Bikkurim III, 3 so schön geschildert wird.
2) Tos. Pessachim II, 20, j. Pessachim IV, 31b, b. Pessachim 57a.


es die Weisen so angeordnet haben. Der ostentative Hinweis auf die Auffassung der Weisen lässt auf einen grundsätzlichen Streit in dieser Frage schliessen, — wie schon Geiger annimmt, — der zwischen den pharisäischen Schriftgelehrten und den sadducäischen Priestern geführt wurde; und es tritt uns in diesem Beispiele dasselbe Verhältniss zwischen Vater und Sohn entgegen, wie in Tos. Joma I, 8, wo sich ein sadducäisch gesinnter Hoherpriester seinem Vater gegenüber brüstet, im Opferdienste des Versöhnungstages die sadducäische Auffassung zur Ausführung gebracht zu haben, worauf ihm der Vater erwidert: Wir deuten zwar die Bibelstelle abweichend von den Pharisäern, handeln aber nach ihrer Meinung.1) Wir hätten demnach mit
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1) Siehe Antiquit. XVIII, 1, 4, Grätz III, Seite 747. Es ist bezeichnend, dass sich der Ausdruck מיחו בידם הכטים nur noch in Kethuboth I, 5, בית דין של כהנים היו גובים ארבע טאות זוז ולא טיחו בידם חכמים ‎ und auch da bei einem Gegensatze zwischen Priestern und Pharisäern findet (vgl. noch Erubin 96a). Auch der Name ben-Bohjon in seiner ungewöhnlichen, ohne Nennung des Vornamens vorgeführten Zusammensetzung ist beachtenswerth, mit welcher die in der Liste der Tempelbeamten (Schekalim V, 1) gebrauchten Namensformen zu vergleichen sind. Da bietet sich eine auffallende Analogie dar, deren Beweiskraft nicht gering anzuschlagen ist; es werden Jochanan b. Pinchas, Matthias b. Samuel mit ihrem eigenen Namen und mit Beifügung des ihres Vaters angeführt, auf welche dann‎ בן ארזה, בן בבי, בן גבר, בן אחייה nur mit dem letzten folgen. Vergleichen wir hiemit noch die entsprechende, inhaltlich völlig verschiedene Liste in Tos. Schekalim II, 14, so sehen wir, יוחגן בן גודגדא על געילת שערים. בן טוטפת על המפתיחות. בן ריפאי על הלולב. (בן) ארזא על הדוכן. שטואל על התגורים. בן טקליט על המלח. בן פלך על העצים fünf Tempelbeamte mit gleicher Namensform. Hinzugenommen Joma III, 9, 10, 11, Tos. Joma II, 2 בן גמלא und בן קטין Tos. Sota XIII, 8 בן קמצן, Tos. Joma II, 8 בן קמצר, so haben wir eine stattliche Reihe von Tempelbeamten, zumeist Priestern, die alle in ihrem Namen dieselbe Form aufweisen und wohl zu dem Wahrscheinlichkeitsschlusse berechtigen, dass der in Challa IV, 11 genannte ben-Antinous neben Jose, dem Priester und auch ben-Bohjon Priester waren. Uebertrug man doch sogar auf Schimpfnamen, die, aus einem Appellativum mit vorgesetztem ben gebildet, Priestern beigelegt wurden, dieselbe Form in j. Joma IV, 43c einem Priester, der sich geizig den Antheil seines Genossen aneignete, בן חאפון, b. Joma 39a בן חמצן; siehe Grätz III, Seite 723, Note 4, und vgl. auch בן הסגן in Joma III, 3. Ich wäre geneigt, die Erscheinung, dass in der Tempelbeamtenliste neben diesen Namen auch solche mit Beifügung des Vornamens vorkommen, mit dem Alter der betreffenden Männer zu erklären, wie es betreffs Synhedr. V, 2 מעשה ובדק בן זכאי בעוקצי תאנים‎ b. Synhedr. 41c geschieht (siehe Hoffmann, Die erste Mischna, Seite 23), da dieses bei Jochanan b. Gudgeda stimmt, der laut Arachin 11b nicht mehr jung war.


hoher Wahrscheinlichkeit erwiesen, dass die Priester in Jericho sich gestatteten, die Früchte der von den Eigenthümern geweihten Bäume zu geniessen und dass sie von Grünzeug die Feldecke stehen liessen, aber die pharisäischen Gesetzeslehrer es ihnen untersagten, weil ihr Vorgehen zu Missbräuchen hätte führen können, wenn die Weisen es ruhig mitansehen, dass das dem Tempel geheiligte Gut von den Priestern benützt und verwendet wird und diese die Leute veranlassen, von Grünzeug Abgaben zu liefern.
Nun wollen wir auch die drei an erster Stelle aufgezählten Gepflogenheiten der Leute von Jericho in’s Auge fassen, welche die Weisen ihnen nicht verwehrten, und da wir den grossen Werth, der diesem Berichte der Mischna beizumessen ist, aus den bisherigen Erörterungen bereits erkannt haben, suchen wir die Beziehungen der einzelnen Sätze, der bereits aufgedeckten Spur nachgehend, weiter. Der erste derselben berichtet, dass die Jerichoer den ganzen Tag Dattelbäume pfropften. Wenn ihnen diese Arbeit am Tage des Pessachopfers, um den es sich hier handelt, auch nicht untersagt wurde, so können wir daraus, dass dieses ihr Verfahren überhaupt erwähnt wird, schliessen, dass es von dem allgemeinen Brauch abwich und daher mit leisem Tadel verzeichnet wurde, ohne aber derartig zu sein, dass zu dessen Verhinderung Grund vorgelegen hätte. Es ist wohl anzunehmen, dass das Pfropfen der Dattelpalme am Rüsttage des Pessach deshalb nicht untersagt werden konnte, weil durch den Aufschub dieser Arbeit der Baum verdirbt; doch dürfte noch ein tieferliegender Grund vorhanden gewesen sein, zu dessen Erkenntniss wir weiter ausholen müssen. Es findet sich nirgends in der Bibel, dass die Juden auch den Rüsttag eines Festes mit Enthaltung von der Arbeit gefeiert hätten. Wohl erzählt Josephus (Antiquit. XVI, 6, 2), dass der Kaiser Augustus es den Behörden untersagt habe, Juden am Sabbat überhaupt und am Freitag von der neunten Stunde ab zum Erscheinen vor Gericht zu zwingen, doch liegt dieser Bestimmung keine andere Ursache zu Grunde, als dass die für eine so späte Tageszeit anberaumte Gerichtsverhandlung sich bis in den Sabbat hineinziehen und die Entweihung, oder zu mindestens die Störung des Ruhetages zur Folge haben könnte; von der zeitlichen Erweiterung der Sabbathruhe ist hier keine Rede. Wir finden auch im älteren Theile des talmudischen Schriftthums von keinem Feste den Brauch verzeichnet, an dessen Rüsttag zu ruhen, mit Ausnahme des Pessach, so dass es klar wird, dass der Grund dieser Feier in dem diesem Rüsttage eigenthümlichen Opfer zu suchen ist. Die Mischna (Pessachim IV, 6) berichtet nun, 1) וחכמים אומרים ביהודה היו עושין מלאכה בערבי פסחים עד חצות ובנליל לא היו עושין כל עיקר. הלילה בית שמאי אוסרים ובית הלל מתירין ער הנץ החמה laut Mittheilung der Weisen enthielt man sich am 14. Nissan in Judäa der Arbeit von Mittag ab, in Galiläa den ganzen Tag; was die Nacht, die diesem Tage vorangeht, in Galiläa anbelangt, so verbieten die Schammaiten die Arbeit während derselben, die Hilleliten gestatten sie bis zum Morgen. Die Männer von Jericho, das in Judäa lag, wichen demnach nicht nur von dem allzustrengen Brauche der Galiläer ab, sondern auch von dem judäischen, indem sie auch am Nachmittage des 14. Nissan Bäume pfropften. Da es nach dem bereits Dargelegten nicht zweifelhaft sein kann, dass die Ruhe am Rüsttage des Pessachfestes die Wichtigkeit und Heiligkeit des Pessachopfers ausdrücken und einschärfen sollte, eines Opfers, das als das des Volkes von jedem Laien geschlachtet werden durfte,2) daher von den Priestern nicht gern gesehen und auch nicht als heilig betrachtet wurde, besonders da es auch im Hause eines jeden Privatmannes gegessen werden durfte, 3) so werden wir verstehen, dass die vornehmen Priester in Jericho, wie überhaupt alle Gleichgesinnten ihrer Nichtanerkennung des pharisäischen Volksfestes dadurch Ausdruck gaben, dass sie selbst zur Zeit, als in Jerusalem das Opfer bereits dargebracht wurde, noch arbeiten liessen. Man wird mir mit Recht den Einwand nicht ersparen, warum, wenn diese Erklärung der Mischnastelle richtig ist, die pharisäischen Gesetzeslehrer die Arbeit, welche ihrer Einrichtung zum Trotze fortgesetzt wurde, nicht ebenso untersagten, wie die vorher
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1) Die Weisen, die hier als Berichterstatter erscheinen, sind R. Jehuda b. Ilai; siehe Pessachim 55a.
2) Siehe Geiger in Jüdische Zeitschrift II, Seite 42, der aber auf die Enthaltung von der Arbeit nicht hinweist; siehe oben Seite 139.
3) Der den priesterlichen Standpunkt vertretende und in der Erfüllung aller Opfergesetze strenge Verfasser des Jubiläenbuches schärft daher in Cap. 49 nachdrücklichst ein, dass das Pessachopfer im Heiligthume genossen werden müsse.


behandelten Punkte, während sie doch sonst Alles, was von sadducäischer oder priesterlicher Seite mit Absicht festgehalten wurde, abzuschaffen suchten? Darauf ist Folgendes zu antworten; die Pharisäer hätten von dem Rechte, die Leute von Jericho am Rüsttage des Pessachfestes zur Ruhe zu zwingen, in dem Falle Gebrauch gemacht, wenn alle ihre Anhänger das Pessachopfer in Jerusalem dargebracht und die Priester höheren Ranges nur als trotzbietende Ausnahme dagestanden hätten. Nun hat aber Chwolson1) auf Grund der Mischna Pessachim V, 5-7 nachgewiesen, dass es eine völlig unbegründete Annahme ist, zu glauben, es hätte sich Jedermann an dem Pessachopfer betheiligt; es waren vielmehr nur Wenige, die es thaten, und zwar die Strengfrommen, so dass keine Veranlassung vorlag, gerade den Sadducäern und Priestern die Wichtigkeit dieses Opfers einzuprägen und sie zum Feiern und Ruhen zu zwingen. Wir haben uns nur einen geringen Theil des Volkes in Jerusalem opfernd zu denken, trotzdem das Pessachfest eines der drei Wallfahrtsfeste war;2) die zu Hause Gebliebenen sind es eben, die in Galiläa den ganzen Tag, in Judäa von Mittag ab sich der Arbeit enthielten,3) und deshalb liessen es die Weisen gewähren, dass die Vornehmen in Jericho während des ganzen Tages Bäume pfropfen liessen.
Auch der zweite der nicht untersagten Punkte führt uns in den Kreis des Tempels und streift, wenn auch nicht so nahe, wie der vorhergehende, eine Meinungsverschiedenheit im Opfer-
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1) Das letzte Passahmahl, Seite 52.
2) Daher kann das Jubiläenbuch fordern (Cap. 49, 16), dass das Pessachopfer nicht ausserhalb des Heiligthumes, sondern vor demselben, oder nach Vers 17 in demselben gegessen werde, was doch nicht möglich wäre, wenn sich, wie es auch dieses Buch verlangt, das ganze Volk eingestellt hätte.
3) Es entspricht diese Enthaltung von der Arbeit ganz der in Tos. Taanith IV, 3 angeordneten; da heisst es nämlich, dass die Opferbeistände, die in Vertretung des Volkes nach Jerusalem zu gehen hatten, doch infolge der allzugrossen Zahl der Vertreter zu Hause bleiben durften (siehe Herzfeld, Geschichte III, Seite 193; Hamburger, Realencyklopädie II, Seite 878), sich zu Hause in den Synagogen ihrer Städte versammelten, aus der Thora lasen und die ganze Woche die Arbeit ruhen liessen; es wird also die schwer errungene Betheiligung des Volkes an den Opfern durch das Feiern der täglichen Arbeit ausgedrückt. Derselbe Gedanke drückt sich auch in der Baraitha j. Taanith IV, 30c aus, האומר הרי עלי עצים למזבח וגזירים למערכה אסור בהספד ותענית ומלעשות מלאכה בו ביום,‎ dass wer Holz für den Altar und den Tempel gelobt, sich der Arbeit und Trauer enthalten müsse.


wesen; derselbe berichtet, dass die Leute von Jericho vor der Darbringung der ersten Getreidegarbe am 16. Nissan, deren Zeit eben den Gegenstand eines Streites zwischen Pharisäern und Sadducäern bildete, die Ernte begannen. Die Thora (Leviticus 23, 14) verbietet nämlich, von dem neuen Getreide zu essen, solange die erste Garbe nicht geopfert wurde; um das Volk von dem Genusse der neuen Frucht bis zu dieser Zeit fernzuhalten, verboten die pharisäischen Gesetzeslehrer auch das Mähen. Doch war die Durchführung dieses Verbotes in Gegenden, wo Alles früher reifte, schwer, wenn nicht fast unmöglich; nun gehörte gerade Jericho zu diesen Strichen Judäa’s, wie es eine Talmudstelle1) ausdrücklich bemerkt, בבקר יאכל עד זו יריחו שהיתה מבכרת, »Benjamin verzehrt Beute (Genesis 49, 27), darunter ist Jericho im Stammgebiete Benjamin’s gemeint, wo die Früchte früh zur Reife gelangen, dagegen in Bethel spät.« Die Leute von Jericho konnten demzufolge mit dem Beginn der Ernte nicht warten, bis das Omer dargebracht wurde und aus Rücksicht hierauf, — obgleich, wie es scheint, sich in ihrem Vorgehen auch die Absicht, die pharisäische Anordnung nicht zu beachten, äusserte, — beanstandeten die Weisen in Wirklichkeit das Mähen nicht. Dagegen, als jene in der Nichtberücksichtigung der pharisäischen Bestimmung so weit gingen, das geschnittene Getreide auch zu häufen, wurde es nicht gerne gesehen, da diese Handlung für die Wahrung des Ertrages nicht mehr so dringend nothwendig war, doch, da es gegen das Gesetz nicht verstiess und auch keine Meinungsverschiedenheit zwischen Pharisäern und Sadducäern berührte, nicht untersagt.2) Geschah es doch in Jerusalem selbst, dass man un-
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1) Tos. Schebiith VII, 12, Genes. r. Cap. 99, Seite 97c.
2) Anders verfuhren die Weisen, oder richtiger die in ihrem Sinne wirkenden dienstthuenden Priester, als die Bewohner einer Gegend, wo die Früchte früh reiften, die Erstlinge vor der vorgeschriebenen Zeit nach Jerusalem brachten, wie es in Challa IV, 10 berichtet wird, אנשי הר צבעים הביאו בכוריהם קודם לעצרת ולא קבלו מהם‎ die Leute vom Gebirge Zebaim brachten ihre Erstlinge vor Schabuoth und man nahm sie nicht an. Dieses Gebirge dürfte, wie Neubauer, Géographie, Seite 153 annimmt, östlich von Jerusalem gelegen haben; vgl. Menachoth 71a. Auch dieser Vorfall gehört, wie die bisher besprochenen alle, in die Zeit, als die Pharisäer den Tempel beherrschten; vielleicht gehört er der feierlichen Darbringung der Erstlinge im Jahre 63 an, siehe oben Seite 169, Note 1.


mittelbar, nachdem die erste Garbe geopfert worden war, auf dem Markte neues Getreide verkaufte und, wie R. Jehuda bemerkt (Menachoth X, 5), nicht gegen den Willen der Weisen.
Ich habe den in der Mischna als zweiten gezählten Punkt, כורכין את שמע für die Besprechung zum Schlusse gelassen, weil der Inhalt desselben wegen eines, wie es scheint, feststehenden, uns bereits unbekannten Ausdruckes auf den ersten Anblick schwer ausfindig zu machen ist. Glücklicherweise hat uns der Talmud die Ansicht des für die letzte Zeit des Tempels verlässlichen R. Jehuda b. Ilai erhalten, die den kurzgefassten, räthselhaft klingenden Bericht dahin erklärt, dass die Jerichoer das zwischen Deuteron. 6, 4 und 5, den mit שמע beginnenden und den im Bibeltexte unmittelbar darauffolgenden, mit ואהבת ansetzenden Vers eingefügte ברוך שם כבוד מלכותו לעולם ועד‎ nicht sagten. Wollen wir das Vorgehen der als Ausnahme hingestellten Leute aus Jericho verstehen, müssen wir uns vorher darüber Klarheit verschaffen, was die uns unbekannten Lehrer veranlasst hat, zwischen zwei der Bibel wörtlich entlehnte und als Gebet verwendete Verse einen ganzen Satz einzufügen, da doch dieses Verfahren eher der Begründung bedarf, als das ablehnende Verhalten derjenigen, die sich gegen die Aufnahme fremder Elemente in den Bibeltext sträubten. Schicken wir voraus, dass der eingeschobene Zusatz uns auch anderweitig bekannt ist; die Mischna Joma VI, 2 berichtet nämlich, dass, als der Hohepriester am Versöhnungstage den heiligen Gottesnamen aussprach, die Priester und das Volk niederfielen und ‏ברוך שם כבוד מלכותו לעולם ועד‎ sagten. Da die einzelnen Worte dieses Satzes die Beziehung auf den Gottesnamen klar und deutlich zeigen, kann es nicht zweifelhaft sein, dass שם כבוד מלכותו auf denselben in irgend welcher Absicht hinzuweisen bestimmt war. Doch welche ist dieselbe und woher stammt die eigenthümliche Zusammenfügung dieser Worte? Derenbourg1) hat darauf aufmerksam gemacht, dass sie aus ברוך שם כבודו לעולם in Psalm 72, 19 durch die Hinzufügung von מלכותו‎ und ועד entstanden sei. Hiemit sind wir der Lösung um einen Schritt näher gerückt und haben in den beiden letztgenannten, zu dem Bibelverse gesetzten מלכותו und ועד das Weitere zu suchen,
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1) Revue des Etudes Juives VI, 51, Note 7.


um die eigentliche Veranlassung des Zusatzes und des Ganzen zu ermitteln. Vergleichen wir hiemit Berachoth IX, 3, כל חותמי ברכות שבמקדש היו אומרים עד העולם משקלקלו הצדוקים1) ואמרו אין עולם אלא אחד התקינו שיהו אומרים מן העולם ועד העולם so sehen wir, dass die Pharisäer in Gebeten Aenderungen vorgenommen, zu denen sie von den sadducäischen Leugnern des Jenseits veranlasst wurden und die sie demzufolge im Gegensatze zu diesem Glauben in den Gottesdienst eingeführt haben. Diese Aenderung gehört selbstverständlich, wie alle mit dem Tempeldienste zusammenhängenden Umgestaltungen, die wir bisher besprochen, dem letzten Jahrzehnt vor der Zerstörung an und sollte gegen die Ansicht der Sadducäer den Glauben an das Jenseits betonen. Haben wir nun erkannt, dass zu dem den Psalmen entlehnten עולם zu dem erwähnten Zwecke ein zweites hinzugefügt wurde, so verstehen wir, dass derselbe Zweck die Einführung des gleichbedeutenden ועד veranlasste, das heisst, dieses sollte zur Verstärkung des ברוך שם כבודו לעולם dienen und ebenfalls auf das Jenseits hinweisen. Doch was will das hinzugetretene מלכותו ausdrücken?
Friedmann2) hat darauf hingewiesen, dass, als Herodes hart und grausam über das Volk der Juden herrschte und dieses über die Gewaltthaten des Tyrannen klagte, es Viele gab, die sich das Wort des Propheten Samuel (I Samuel 12, 12), ‏יי אלהיכם מלככם‎ zum Losungsworte wählten und ausser Gott keinen andern Herrn anerkennen wollten; da man, so fährt er fort, seit alter Zeit das Schema las, um darin die Anerkennung der göttlichen Herrschaft auszusprechen, fügten die Genannten in dasselbe ברוך שם כבוד מלכותו ein, um auf ihren Standpunkt, den der Zeloten hinzuweisen. Ich will zu dieser Erklärung, die ich ihrem Grundgedanken nach annehme, nur bemerken, dass die Zeloten, von denen Friedmann spricht, wohl schon unter Herodes auftraten und auch eine Partei bildeten, aber erst mehrere Jahrzehnte später, nicht lange vor der Auflösung des staatlichen Lebens einen solchen Einfluss gewannen, dass das ganze Volk sammt seinen geistigen Führern infolge der tyrannischen Herrschaft der letzten Procuratoren ihre Grundsätze, wenn
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1) Ueber die Lesearten siehe Schwarz in Tosefta זרעים, Seite 57, Note 189.
2) Zu Sifre, Deuteron. §. 17, Seite 72b.


auch gemildert und der zu viel nach Aussen treibenden Schärfe beraubt, zu den ihrigen machten und dieselben auch in das religiöse Leben eindringen liessen. Nun gelangten die pharisäischen Gesetzeslehrer erst im Jahre 63 dazu, auf die Liturgie des Tempels einen umgestaltenden Einfluss zu üben, es kann also der in das Schema eingefügte Satz erst um diese Zeit Eingang gefunden haben. Als die Pharisier nun den Satz ברוך שם כבוד מלכותו לעולם ועד mit der directen Beziehung auf Gott als den einzigen Herrn Israel’s in das Schemagebet, wie auch in den Dienst des Versöhnungstages einführten, nahmen ihn Alle, die sich ihren Anordnungen fügten, weil sie gleicher Gesinnung waren, ohne Widerrede an, um dem Liebäugeln der höheren Priesterschaft mit den Römern entgegen zu wirken. Dagegen lehnten ihn alle, die pharisäische Macht mit scheelem Blicke betrachtenden vornehmen Priester, die bekanntlich zugleich römerfreundlich waren, besonders wegen dieser Gesinnung ab und konnten mit dem triftigen Hinweis auf das ungerechtfertigte und unstatthafte Einschieben eines in der Thora nicht vorhandenen Satzes in den Wortlaut des Textes ihren Standpunkt als den richtigen hervorkehren. So hätten die pharisäischen Weisen keinen Grund, dieses an die Bibel sich anlehnende Verfahren zu misbilligen oder zu verbieten. Freilich waren es die Jerichoer nicht allein, die sich der neuen Einführung gegenüber ablehnend verhielten, da doch alle ihre Gesinnungsgenossen, die ganze vornehme Priesterschaft in Jerusalem denselben Standpunkt einnahm; doch mochten vielleicht die hartnäckigsten Vertreter der sadducäischen Ansichten im Kreise der höherstehenden Priesterschaft in Jerusalem aus Jericho sein, weshalb man, wie ich vermuthe, die ganze Richtung als die der Männer aus Jericho bezeichnete, so dass wir in der Aufzählung der Mischna eigentlich eine Charakteristik der vornehmen Priester überhaupt zu sehen haben. Fassen wir nun, nachdem wir die im Namen der Jerichoer berichteten Gepflogenheiten einzeln geprüft haben, das Ergebniss der ganzen Untersuchung zusammen, so finden wir, dass es in Jericho, wie in Jerusalem selbst, eine grosse Anzahl nicht nur dienstthuender, sondern auch vornehmer Priester gab, die dort eine bedeutende Stellung einnahmen und in jeder Hinsicht, sowohl dem von den Pharisäern geleiteten Tempel, als auch dem diesen anhänglichen Volke gegenüber genau auf demselben Standpunkte verharrten, wie die höherstehende Priesterschaft in Jerusalem, indem sie jenen entgegen arbeiteten und ihre neuen, von der pharisäischen Richtung geschaffenen Einführungen ablehnten, das Volk ausbeuteten und in den Dienst ihres Eigennutzes stellten. Die genaue Uebereinstimmung des von den Leuten in Jericho entworfenen Bildes mit den im Verlaufe unserer Erörterungen erkannten Zügen der jerusalemischen Priesterschaft berechtigt, wie bereits erwähnt, zu der Vermuthung, dass אנשי יריחו die allgemeine Bezeichnung für jene gewesen ist.
Fragen wir nun, wie es kam, dass gerade Jericho so viele Priester zu seinen Bewohnern zählte. Für das Vorhandensein vornehmer Priester bietet die Bedeutung der Stadt und ihre Stellung im letzten Jahrhunderte des jüdischen Staatslebens eine befriedigende Erklärung; auch zog die angenehme Lage und die Fruchtbarkeit der Stadt, von der Josephus1) in begeisterten Worten spricht, gewiss schon früh reiche und vornehme Leute zu dauernder Niederlassung in Jericho an. Schon zur Zeit der Makkabäer spielte es als Festung eine wichtige Rolle,2) erhielt, als Gabinius im Jahre 57 v.d.g.Z. Judäa in fünf Bezirke theilte und fünf Synhedrien einsetzte,3) neben Jerusalem, Gasara, Amathus und Sepphoris auch eines. Es ist anzunehmen, dass zu Häuptern der einzelnen Gerichtshöfe die den Römern freundlich gesinnten vornehmen Priester und Laien bestellt wurden und auch dieser Umstand mag die Ansiedelung vieler vornehmer Familien zur Folge gehabt haben.4) In späterer Zeit zerfällt Judäa selbst in elf Toparchien und es ist selbstverständlich, dass das bedeutende Jericho auch in dieser Reihe wiederkehrt; Herodes erwählt sich dasselbe zur Residenz, versieht es mit grossartigen Bauten, worin ihm sein Sohn und Nachfolger Archelaus in vollstem Maasse gleichzukommen bestrebt war. Beachtenswerther Weise tritt unter den
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1) Bellum Judaicum IV, 8, 3; I, 6, 6. "
2) I Makkab. 9, 50—53.
3) Antiquit. XIV, 5, 4, Bellum Judaicum I, 8, 5.
4) Wohl sagt Josephus nur, dass die von Gabinius eingeführte Verfassung eine aristokratische war, ohne der Priester namentlich zu gedenken, doch zeigt Antiquit. XX, 10 Ende (Schürer I, Seite 400), dass er hierunter die vornehmen Priester gemeint hat.


Toparchien auch Gofna auf, das sich uns an allererster Stelle als eine von vielen Priesterfamilien bewohnte Stadt ergab und, wie Jericho und die übrigen, befestigt war.1 Es ist demnach um so wahrscheinlicher, dass in den genannten Städten während der römischen Herrschaft die vornehmen Priester die höheren Beamten und Würdenträger waren, welche bekanntlich die jüdische Aristokratie bildeten und zu allen Zeiten römerfreundlich waren. Da nun auch die Eintheilung Judäa’s in die erwähnten eilf Toparchien fast selbstverständlich den Zwecken der Verwaltung diente, so waren Priester gewiss in allen zu finden,2) die im Dienste der römisch-jüdischen Regierung Aemter bekleideten. Ihre Bedeutung als Mitglieder der Behörden kann aus der Bemerkung Josephus’ (Contra Apionem II, 21) geschlossen werden, die da besagt: »Welche Verfassung möchte wohl schöner oder gerechter sein, als die, welche Gott als den Führer und Lenker aller Dinge hinstellt, den Priestern die wichtigsten Dinge zu gemeinschaftlicher Verwaltung übergibt, den Hohenpriester über alle wieder mit der Leitung der übrigen Dinge betraut!« Wohl kann Josephus hier ausschliesslich die Verwaltung und Gerichtsbarkeit in Jerusalem vor Augen haben, so dass betreffs der Toparchien nichts bewiesen ist, doch sagt er auch bezüglich anderer, vielmehr aller Städte (Antiquit. IV, 8, 14), »Moses hat angeordnet, dass in jeder Stadt sieben Männer gebieten und jeder Behörde zur Unterstützung zwei
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1) Bellum Judaicum I, 1, 15 + I Makkab. 6, 48 + Antiquit. XII, 9, 5; vgl. Grimm, Exegetisches Handbuch zu I Makkab. 6, 48.
2) Schürer II, Seite 140, hält es für wahrscheinlich, dass die ganze Organisation erst der römischen Zeit angehört, da sich früher keine Spur davon findet; es wird jedoch aus dieser Bemerkung nicht klar, ob er die vorherodianische Zeit der Römer, oder die der Procuratoren meint. Denn ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass diese Bezirkseintheilung bereits im Jahre 44 v.d.g.Z. vorhanden war; Cassius legt nämlich dem Lande Judäa eine hohe Steuer auf, die wohl von Antipater und Herodes in ihrem Verwaltungsgebiete, nicht aber im eigentlichen Judäa selbst eifrig eingetrieben wurde. Cassius lässt aus diesem Grunde die Einwohner der Städte Gofna, Emmaus, Lydda und Thamna als Sclaven verkaufen, weil sie den auf sie entfallenen Theil nicht aufgebracht hatten. Es sind hier vier Städte genannt, die alle als Toparchien gezählt werden und es hat, wie dieser Vorfall zeigt, Schürer richtig vermuthet, als er als den Hauptzweck der Eintheilung in Toparchien die Steuererhebung bezeichnete.


Männer vom Stamme Levi beigegeben werden sollen.« Da sich diese Bestimmung im Pentateuch nirgends auch nur angedeutet findet, so ist dieselbe, wie viele andere, als Beschreibung des thatsächlichen Zustandes zur Zeit des Josephus anzusehen;1) nur sind diese beiden, von denen er besonders spricht, nicht wirklich Leviten, wie Schürer meint, sondern Priester, die er auch sonst als Leviten bezeichnet,2) während er die eigentlichen Leviten, wie in Antiquit. XX, 9, 6 τῶν δὲ Λευιτῶν, φυλὴ δ᾽᾿ἐστὶν αὕτη, ὅσοιπερ ἦσαν ὑμνῳδοὶ, durch die Hinzufügung ihres Berufes als Sänger genau unterscheidet.3) Da nun das Synhedrion selbst zur Zeit des Gabinius viele Priester zu seinen Mitgliedern zählte, so werden, wie sich uns schon aus anderen Erwägungen ergab, auch die neu geschaffenen Gerichtshöfe aus denselben Elementen zusammengesetzt worden sein. Auch eine gelegentliche Bemerkung Josephus’ (Bellum
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1) Schürer II, Seite 134, 135.
2) Siehe oben Seite 124, Note 2.
3) Es wird demnach auch die Stelle in Contra Apionem II, 21: »Die Priester wurden zu Aufsehern über Alle und Richtern über Streitigkeiten und zu Züchtigern der Verurtheilten eingesetzt,« auf die Gerichtshöfe des ganzen Landes bezogen werden dürfen. Dem letzten Theile dieses Berichtes widerspricht Sifre Deuteron. §. 15, ושוטרים אלו הלוים המכים ברצועה‎ der die Leviten als die Vollstrecker der körperlichen Strafen nennt; abweichend hievon bezeichnet die Mischna Makkoth III, 3 und Tos. Makkoth V, 12 diesen Gerichtsbeamten als חזן, von welcher Bezeichnung wir oben Seite 150 fanden, dass sie für Leviten gebraucht wurde. Und wenn auch diese Mischna und Tosefta auf spätere, erst nach der Zerstörung des Tempels eingetretene Verhältnisse sich beziehen, so ist ihre Angabe dennoch auch für die letzten Jahre des jüdischen Staatslebens von Werth. Denn es ist die Beobachtung bereits ausgesprochen worden, dass R. Jochanan b. Sakkai das jabnehische Synhedrion ganz nach dem Muster des Gerichtshofes in der Tempelhalle in Jerusalem eingerichtet und alle Einzelheiten sammt den Bezeichnungen von jenem auf das von ihm begründete Synhedrion übertragen habe (Wellhausen, Pharisäer und Sadducäer, Seite 41). So finden wir ausser dem Vorsitzenden auch einen ממונה und חזן הכנסת, wie in Tos. Pessachim II, 11 זונין הממונה‎, der in j. Pessachim IV, 74d זונין החזן‎ genannt ist, woraus vielleicht der Rückschluss gestattet wäre, dass zwischen beiden Aemtern auch in der Quaderhalle kein grosser Abstand war; vgl. auch Tos. Synhedr. IX, 1. So ist auch die Ankündigung des Sabbateintrittes durch Trompetenstösse in j. Schabb. XVII, 16a, b. Schabb. 35b dem Tempel entlehnt, siehe Bellum Judaicum IV, 9, 12, Sukka V, 5 und noch mehrere der von R. Jochanan b. Sakkai herrührenden Einführungen.


Judaicum VI, 2, 2) bestätigt unsere Ansicht betreffs der Zahl der vornehmen Priester in den Toparchien; er erzählt, »Titus habe alle Vornehmen, Priester und Angesehenen, die sich während der Belagerung Jerusalem’s zu ihm aus der Hauptstadt geflüchtet hatten, nach Gofna entlassen, wo sie bis zum Abschlusse des Krieges verbleiben sollten, wann er ihnen ihr Vermögen zurückzugeben versprach.« Es ist aus dem Berichte Josephus’ nicht zu ersehen, weshalb Titus gerade diese Stadt wählte, da ja nicht nur diese, sondern auch viele andere von Vespasian erobert und besetzt waren, so der ganze Bezirk Gofna und Akrabatta, die Städte Bethel und Efraim.1) Es muss vermuthlich die verlässlichste, weil eine von Römerfreunden bewohnte Stadt gewesen sein, wo sich die Söhne der Hohenpriester in vollster Sicherheit fühlen konnten, da sie sich im Kreise von Gesinnungsgenossen, unter den dort wohnenden vornehmen Priestern befanden. Und was von Gofna sich erweisen lässt, gilt auch von Jericho, so dass wir zur Erkenntniss gelangen, dass die Gerichtshöfe und Aemter in dieser Stadt, wie gewiss auch in anderen, viele vornehme Priester zu dauernder Niederlassung veranlasst haben.2)
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1) Bellum Judaicum IV, 9, 9.
2) Die Richtigkeit unserer Vermuthungen, dass die Toparchien vornehme Familien anzogen und zu Bewohnern hatten, bestätigt auch die knappe Ueberlieferung, die uns über Emmaus erhalten ist; in der Mischna Arachin II, 3 berichtet R. Jose, dass die Flötenspieler am Altare bei manchen Anlässen ‏,משפחת בית פגרים ובית ציפרא מעימאוס היו משיאין לכהונה‎ zwei angesehene Familien aus Emmaus waren, mit denen sich auch Priester verschwägerten. Hiermit ist die Angabe des Josephus in Bellum Judaicum V, 13, 1 zu verbinden, wo er diejenigen aufzählt, die der Zelotenführer Simon während der Belagerung Jerusalem’s hinrichten liess, »den gewesenen Hohenpriester Mattathias, Sohn Boethos’ sammt seinen drei Söhnen, einen Priester Ananias, Sohn Masambalos’ und den Schreiber des Rathes Aristeas aus Emmaus und mit diesen fünfzehn Hervorragende aus dem Volke«. Es sind alle den höheren Ständen angehörende Männer, die den Zeloten wegen ihrer Neigung zum Ueberlaufen in das römische Lager verdächtig und verhasst waren. Allerdings, wie es selbstverständlich ist, schlossen sich dem genannten Zelotenführer Simon auch aus Emmaus manche an, wie Bellum Judaicum VI, 4, 2 erzählt: Gerade um diese Zeit gingen Ananos von Emmaus, der blutdürstigste unter den Spiessgesellen des Simon und Archelaos, Magdalos’ Sohn, zu Titus über.