d) Priester in Galilia.

Posted 8 mos ago

Da es laut der letztangeführten Stelle auch im äussersten Norden Judäa’s Priester gab, will ich im Zusammenhange hiemit einige Worte der Frage widmen, ob Priester auch in Galiläa gewohnt haben, ohne jedoch auf die von dem Dichter Kalir in seinem Klagelied (2 איכה שבת aufgezählten Wohnsitze der 24 Priesterabtheilungen hier einzugehen. Wir würden erwarten, dass Josephus, der Galiläa so eingehend beschreibt, auch die Zusammensetzung seiner Bevölkerung behandeln, oder zu mindestens mit andeutenden Bemerkungen streifen werde; doch hatte er hiefür entweder keinen Sinn, wie es ihm schon oft zum Vorwurfe gemacht wurde, oder in seinem für Römer geschriebenen Werke keinen Raum, und wir sind auch hier auf die talmudischen Quellen angewiesen, die aber zu unserer Beruhigung infolge der schon oft betonten Unabsichtlichkeit ihrer uns interessirenden Mittheilungen volles Vertrauen verdienen. Dieselben erzählen,3) Joseph b. Illem aus Seppho-
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1) Géographie, Seite 57.
2) Siehe Zunz, Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie, Seite 602; Schorr in Hechaluz IX/2, Seite 51.
3) Tos. Joma I, 4, j. Joma II, 38d, b. Joma 12b, vgl. j. Megilla I, 72b und Horajoth III, 47d.


ris1) habe einmal am Versöhnungstage den Hohenpriester vertreten, weil dieser durch Verunreinigung verhindert wurde, den Opferdienst zu besorgen. Da sich der Vorfall sammt den angeführten Namen auch bei Josephus2) verzeichnet findet, so können wir dem talmudischen Berichte auch in der Angabe, die Josephus nicht hat, die aber in allen Relationen jener übereinstimmend lautet, dass nämlich Joseph b. Illem aus Sepphoris war, volles Vertrauen entgegenbringen. Wir haben demnach einen vornehmen Priester aus der Hauptstadt Galiläa’s, der den Hohenpriester Matthias b. Theophilos3) einmal vertrat. Da dieser sein naher Verwandter war,4) dürfte auch er aus derselben Stadt gewesen sein und seine Würde der Verwandtschaft mit dem Hohenpriester und den hohenpriesterlichen Familien, oder irgend welchen anderen Verbindungen mit Vornehmen in Sepphoris
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1) An den Stellen des jerusalemischen Talmuds fehlt der Vorname des Mannes, vgl. Grätz III, 737, Monatsschrift 1881, Seite 51, Derenbourg, Essai, Seite 160; siehe auch oben Seite 170, Note 1.
2) Antiquit. XVII, 6, 4.
3) Ich kann auf Grund der Thatsache, dass es R. Jose b. Chalafta ist, der als Sepphorenser über diesen Priester aus seiner Vaterstadt berichtet, wie in Joma VII, 3 über Arsela aus Sepphoris, von dessen Mittheilungen wir aber in allen Fällen ohne Ausnahme erfuhren, dass sie nur Vorgänge aus der letzten Zeit des Tempelbestandes behandeln, mich des Eindruckes und des Schlusses nicht erwehren, dass auch diese Vertretung Jose b. Illem’s um dieselbe Zeit stattgefunden haben müsse. Man wird mir natürlich augenblicklich entgegenhalten, es sei dieser Schluss unberechtigt und mit Rücksicht auf die Mittheilung des Josephus unmöglich, da er ja den Hohenpriester nennt, den Jose b. Illem vertreten hat, nämlich Matthias b. Theophilos! Man prüfe jedoch sorgfältig die Liste der Hohenpriester und da wird man alsbald finden, dass es zwei dieses Namens gegeben hat, einen unter Herodes im Jahre 5 v.d.g. Z. (Antiquit. XVII, 4, 2) und einen zweiten im Jahre 65—67 unter Agrippa II. Josephus mag die Ueberlieferung gehabt haben, dass Joseph b. Illem den Hohenpriester Matthias b. Theophilos vertreten habe, wusste aber nicht mehr, welcher von beiden dieses Namens gemeint sei und verlegte den Vorfall in die Zeit Herodes’. Einen ähnlichen Missgriff beging er auch betreffs eines Senatsconsultes in Antiquit. XIV, 8, 5, siehe Ewald, Geschichte, 3. Auflage, IV, Seite 438, Grimm, Exegetisches Handbuch zu I Makkab. Seite 226, Grätz III, Seite 658. Dagegen würde nur sprechen, dass es im Jahre 65 bereits einen ständigen Vertreter des Hohenpriesters gegeben haben dürfte, s. oben Seite 110.
4) Siehe oben Seite 108.


und Jerusalem1) verdankt haben.2) Diese dürften zur Zeit, als Herodes Antipas seine Hauptstadt Sepphoris neu aufbauen
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1) Vgl. Antiquit. XVII, 6, 4.
2) Es muss um dieselbe Zeit viele Vornehme in Sepphoris gegeben haben, denn wir hören, dass diese Stadt einen jüdischen Magistrat oder ein Archiv mit Familienregistern hatte. Da die hierüber berichtende Mischna vielfältige Deutungen und Vermuthungen hervorgerufen hat, wollen wir sie, soweit es der Rahmen dieser Arbeit gestattet, hier besprechen. In Kidduschin IV, 5 heisst es: Als ein Israelit reiner Abstammung gilt Jeder, der nachweisen kann, dass sein Ahn als Priester am Altare gestanden oder als Levite am Tempelgesange sich betheiligt hat oder Mitglied des Synhedrion war, und darf sich ein Priester überhaupt mit Jedem, dessen Ahnen als öffentliche Beamte oder Almosenpfleger bekannt gewesen, verschwägern und braucht nicht erst die Makellosigkeit der Familie zu untersuchen. R. Jose sagte, ‏,אף מי שהיה חתום בארכי הישנה של צפורי‎ R. Chanina b. Antigonos sagte, auch wer eingeschrieben war im Heere des Königs (s. Schürer II, Seite 122). Prüfen wir zuvörderst den Inhalt der Bestimmung, welche der erste, ungenannte Tannaite ausgesprochen, so finden wir, dass er offenbar die Verhältnisse in Jerusalem vor Augen hat, denn nur dort gab es Priester am Altare, Leviten im Chore und Mitglieder des Synhedrion, zu denen noch andere Beamte des Öffentlichen Lebens hinzukommen, die aber ebenfalls in Jerusalem zu denken sind. Der Verfasser dieses Ausspruches denkt also nur oder hauptsächlich an die Bewohner der Hauptstadt, und laut diesem wahrscheinlich nur zum Theile erhaltenen Satze gelte nur einer aus Jerusalem oder Jemand, dessen Ahnen einmal dort gewirkt, als ein Mann reinen Geblütes. Dazu fügt nun R. Jose b. Chalafta, der als Sepphorenser es nicht gelten lassen konnte, dass unantastbare Familienreinheit nur Leuten aus Jerusalem zuerkannt werde, dass nicht nur diese, sondern auch Familien aus Sepphoris makellos sind, da es auch da, wie in Jerusalem, eine Controle gab; denn auch in seiner Stadt lebten Priester zur Zeit des Tempelbestandes, auch da wirkten Vornehme, — wie der in Joma VI, 3 erwähnte Arsela, — vielleicht auch solche, die einst Mitglieder des Synhedrion gewesen waren. Diese Alle, welche R. Jose den aus Jerusalem Aufgezählten an die Seite stellt, fasst er unter אף מי שהיה חתום בארכי הישנה של צפורי zusammen, worin jedoch gerade die Bedeutung des wichtigsten Wortes fraglich ist. Bedeutet ארכי Regierung, so kann darunter, wie an anderen Stellen, nur der Magistrat gemeint sein und auch חתום kann nur den einfachen Sinn haben, wie sonst, und der Satz lautet, dass auch derjenige, der beim Magistrat der alten Zeit unterzeichnet ist, betreffs der Familie als makellos zu gelten hat. Der Inhalt des Ausspruches kann nur, wie der erste der Mischna ausschliesslich höhere Beamte und Würdenträger in Jerusalem zählt, solche in Sepphoris meinen, demnach bestimmt er, dass auch derjenige, dessen Name sich in den alten Magistratsacten als der eines Beamten findet, als unbefleckt anzusehen ist. Die Art und Weise der Verwaltung in Sepphoris konnte wohl ganz römisch sein, die einzelnen Beamten jedoch, da die Bevölkerung jüdisch war und das Land Agrippa II.


liess, dahin gewandert sein, wodurch Sepphoris, was die Abstammung seiner Bewohner betrifft, unvergleichlich höher stand,
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gehörte, waren sicherlich Juden vornehmer Abkunft. Die Bezeichnung, der alte Magistrat in Sepphoris im Munde des R. Jose b. Chalafta ist einfach dahin zu erklären, dass sie die Zeit vor der Zerstörung Jerusalem’s, als es noch eine jüdische Verwaltungsbehörde in Galiläa gab, umfasst, dagegen die auf die Zerstörung folgende, obgleich Agrippa noch immer herrschte, die neue genannt wurde, weil ein tiefgreifender Wechsel in der politischen Stellung Galiläa’s eingetreten war und die Beamten durch die neuen Einwanderungen aus dem zerstörten Judäa nicht mehr mit derselben Sicherheit als makellosen Familien entsprungen bezeichnet werden konnten. Diese Erklärung des Wortes ארכי ist jedoch nicht die einzig mögliche, denn es kann in einer etwas selteneren Bedeutung zur Bezeichnung des Archivs verwendet worden sein, in welchem nach Art des jerusalemischen (siehe Contra Apionem I, 7, Vita 1) die Geschlechtsregister aufbewahrt wurden, und R. Jose würde sagen, dass auch jene Familien, die in dem alten Archive von Sepphoris eingetragen sich finden, als reine anzusehen seien. Doch spricht gegen diese Deutung das zu derselben nicht passende חתום, dagegen unterstützt die erste auch die Fortsetzung der Mischna, in welcher R. Chanina b. Antigonos hinzufügt, dass nicht nur den im ersten Theile gezählten Männern, sondern auch den militärischen Beamten unantastbare Abstammung zuzuerkennen ist; dieser Satz setzt doch voraus, dass bürgerliche vorangegangen sind, wobei es bemerkenswerth ist, dass die Festung, in welcher die hier gemeinten höherstehenden Soldaten sich aufhielten, in Arachin IX, 9 קצטרא הישנה של צפורי genannt wird, dem ארכי הישנה של צפורי genau entsprechend. Von R. Chanina b. Antigonos ist besonders zu bemerken, dass er auch an einer anderen Stelle mit R. Jose b. Chalafta über Familien aus der Tempelzeit controversirt, in Arachin II, 4, Tos. Arachin I, 15, wo er angibt, die Leviten gekannt zu haben, die am Altare die Flöte bliesen und an deren Stelle R. Jose vornehme Laien aus Emmaus nennt. Er selbst war Priester (s. Seder hadoroth), denn es wird in Bechoroth 30b erzählt: R. Jehuda und R. Jose waren über einen Punkt der levitischen Reinheitsgesetze im Unklaren; da schickten sie an den Sohn des Chanina b. Antigonos Boten, um ihn darüber zu befragen, der aber dieselben nicht nach Gebühr behandelte, indem er ihnen einen von seinen Schülern zur Gesellschaft gab, während er sich zurückzog, um nachzudenken. Jene meldeten es ihren Absendern und da sagte R. Jehuda, dass auch R. Chanina b. Antigonos die Gesetzeslehrer geringgeschätzt habe, worauf R. Jose bemerkt, dass, seitdem der Tempel zerstört ist, die Priester eine Vornehmheit beobachten, indem sie die Bestimmungen der levitischen Reinheit nicht Jedem übermitteln. Er war demnach, wie schon Raschi bemerkt, ein Priester vornehmer Art, wie wir sie unter den nach der Zerstörung des Tempels sich absondernden kennen gelernt haben (oben Seite 21), der die Reinheitsgesetze nur Priestern übermitteln wollte. Vgl. über ihn Geiger, Jüdische Zeitschrift II, Seite 112.


als Tiberias, das eine sehr gemischte Bevölkerung hatte,1) über welche die talmudische Litteratur keine Bemerkung erhalten hat. Doch gab es ohne Zweifel auch gewöhnliche Priester in Sepphoris, die sich, wie die in Judäa wohnenden, regelmässig nach Jerusalem begaben, um am Opferdienste theilzunehmen, wie j. Joma VI, 43e und Tos. Sota XIII, 8 berichten, (5 מעשה בכהן אחד בציפורין שנטל חלקו וחלק חבירו והיא היה נקרא בן חאפין עד היום. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass wir es hier mit einem Vorfalle aus den letzten Jahren des Tempels zu thun haben, wie es übrigens der Bericht selbst mit der Bestimmung, dass dieses nach dem Tode des Hohenpriesters Simon, des Gerechten geschehen sei, angibt.
Ausser Sepphoris möchte ich noch, allerdings nur mit Wahrscheinlichkeit, auf Grund der bereits oben (Seite 188) zum grossen Theile erörterten Stelle einige Städte als Wohnsitze von Priestern in Galiläa nachzuweisen versuchen; ich meine das die alte Grösse und Herrlichkeit Palästina’s schildernde Stück in j. Taanith IV, 69a, das mehrere Dörfer im Königsgebirge zählt, von denen wir mit grosser Wahrscheinlichkeit erschlossen haben, dass sie viele Priesterfamilien beherbergten. Nun finden sich in der Reihe derselben Kabul, Sichin und Migdal Zebaja, drei galiläische Städte neben einander in einem Satze genannt, und R. Jochanan erzählt noch besonders, dass sich in Migdal Zebaja 80 Läden befanden, in denen Priesterhosen gewoben wurden,3) und R. Chijja b. Abba meldet, dass
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1) Siehe Schürer I, Seite 360; Kaminka, Studien zur Geschichte Galiläa’s, Seite 17.
2) In b. Joma 39a fehlt die Ortsangabe; da es sich um die Vertheilung der Schaubrode handelt, die allwöchentlich im Tempel in Jerusalem stattfand, kann בצפורין nicht richtig sein, sondern es muss hier, wie auch oben in den Berichten über Jose b. Illem, מצפורין gelesen werden.
3) In I Makkab. 3, 49 wird berichtet, dass bei der von den Makkabäern einberufenen Versammlung in Mizpah diese die Priesterkleider, die Erstlinge und die Zehnten mitgebracht und die Nasiräer, deren Gelübde voll waren, angeregt hätten und zu Gott riefen: »Was sollen wir diesen thun und wohin sollen wir sie führen? Ist doch dein Heiligthum befleckt und deine Priester in Trauer und Erniedrigung!« Stellen wir vor Allem fest, dass das Subject aller Verba des ersten Satzes die Priester sind; sie haben zu dieser Gelegenheit die Abgaben, die man ihnen gebracht hatte, und die Nasiräer, die zu ihnen gekommen waren, um ihr Opfer darzubringen, mitgenommen, da sie


in Sichin 80 eherne Kästen vorhanden waren; all’ dies bezieht sich, wie schon gezeigt wurde, auf die Zeit des Tempelbestandes. Soll es nun feststehen, dass es sich in all’ diesen Mittheilungen um Wohnsitze von Priestern handelt, müssen auch die letzterwähnten Kästen im Zusammenhange mit diesen erklärt werden können. Da es der Berichterstatter versäumt hat, uns die Bestimmung und Verwendung dieser Kästen zu nennen, müssen wir dieselbe vermuthungsweise selber anzugeben versuchen. Wir haben gesehen, dass in der Reihe dieser Ueberlieferungen einigemal Toharoth und Opferthiere und einmal die Abgaben, die man aus drei Städten zu Wagen nach Jerusalem befördert hat, gezählt werden, und da jeder einzelne hier genannte Gegenstand zu dem Tempel in Jerusalem in irgend welcher, und zwar sehr naher Beziehung steht, so werden wir auch bei den Kästen an eine solche denken müssen. Nun ist gerade Sichin, wo sich die 80 Kästen befunden haben sollen, unter den drei Städten genannt, deren Früchte man auf Wagen nach der Stadt des Heiligthums bringen musste, es muss also zwischen diesen Abgaben und den beregten Kästen irgend ein Zusammenhang obwalten, etwa, dass diese zur Sammlung und Aufnahme von priesterlichen oder heiligen Abgaben dienten, welche die Galiläer, wie uns bekannt ist,1) pünktlich ablieferten. Diese Vermuthung findet bei Josephus ihre Bestätigung; er gibt in Antiquit. IX, 3, 3 den Bericht aus II Chronik 31, 5, 6, »Als der Befehl des Königs Chiskija bekannt wurde, brachten die Kinder Israel’s in Menge die Erstlinge des Getreides, Mostes und Honigs und alles Ertrages vom Felde und den Zehnten von Allem brachten sie in Menge.
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dieselben in den Tempel, der entweiht und besetzt war, nicht bringen konnten. Da nun die Priesterkleider in derselben Reihe stehen, müssen auch sie von dem Volke gebracht worden sein, denn aus dem Heiligthum konnten die Priester ihre Gewänder gewiss nicht erst holen. Grätz in Monatsschrift 1883, Seite 5 meint, es wären die hohenpriesterlichen Gewänder gewesen, die mitgenommen wurden, um Juda Makkabi mit denselben zu bekleiden, was meines Erachtens ausserhalb des Heiligthums kaum geschehen sein dürfte. Es würde sich aus dieser Mittheilung demnach ergeben, dass man den Priestern auch Kleider zum Geschenke brachte (vgl. Tos. Joma I, 23).
1) Siehe Josephus, Vita 12, 15.


Und die Kinder Israel’s und Juda’s, die in den Städten Juda’s wohnten, brachten ebenfalls den Zehnten der Heiligthümer, die geweiht sind dem Ewigen, brachten sie und legten sie in Haufen«, diese Verse gibt er folgendermassen wieder: »Infolge der Anordnung brachte das Volk für die Priester und Leviten allerlei Früchte zusammen und der König liess zu ihrer Aufbewahrung Kästen und Speicher einrichten, woraus dann den einzelnen Priestern und Leviten, sowie deren Weibern und Kindern der nothwendige Bedarf zugetheilt wurde.« Da die Kästen im Bibeltexte und auch in der Septuaginta nicht vorkommen, muss Josephus, wie er es häufig gethan, einen vielleicht in Galiläa selbst während seines dortigen Aufenthaltes beobachteten Brauch auf die alte Zeit übertragen haben, so dass wir die Bestimmung der im Talmud erwähnten Kästen hieraus erfahren hätten. Fragen wir nun, wozu so viele, wenn auch die Zahl 80 nur als runde anzusehen und den in der ganzen Schilderung auffallend hervortretenden Uebertreibungen entsprechend aufzufassen ist, — in einer Stadt erforderlich waren, so gibt uns dieselbe Stelle die nöthige Aufklärung, die weiter erzählt, dass die drei Städte, Kabul, Sichin und Migdal Zebaja ihre Abgaben auf Wagen nach Jerusalem brachten. Es mochten diese die Sammelstellen gewesen sein, wo alle Heben und Zehnten, offenbar unter der Aufsicht von Priestern zusammengetragen, einerseits unter die galiläischen Priester vertheilt, andererseits nach Jerusalem an das Heiligthum zur Vertheilung befördert wurden.
Die langwierige Auseinandersetzung, deren Umständlichkeit die Wichtigkeit der Frage entschuldige, hat jedesfalls so viel mit Sicherheit dargethan, dass Priester, und zwar nicht nur gewöhnliche, sondern auch vornehme in verschiedenen Städten Judäa’s gewohnt haben. Während die höheren Ranges den ihnen zu Gebote stehenden Einfluss ihrer Stellung dazu benützten, um das Volk auszubeuten oder es in dem Meinungsstreite zwischen Pharisäern und Sadducäern zur Bethätigung der von ihnen vertretenen sadducäischen Auffassung mancher Religionsvorschriften zu veranlassen, standen die gewöhnlichen Priester in steter Berührung und in innigem Verkehre mit dem Landvolke sowohl in ihren Wohnsitzen, als auch beim Opfern im Tempel zu Jerusalem. Diese Verbindung hatte es zur natürlichen Folge, dass sie dem Volke in jeder Hinsicht, sowohl was das Denken und den Bildungsgrad betrifft, als auch in politischer Gesinnung völlig gleich waren, wogegen der kurze Aufenthalt in der Hauptstadt, in welcher die vornehmen Priester ihre niedrigen, gewöhnlichen Amts- und Standesgenossen kaum eines Wortes würdigten, ohne jeden Eindruck auf sie blieb. Da die gewöhnlichen Priester des letzten Jahrzehntes ohnehin wegen der von Seiten der höherstehenden erfahrenen rücksichtslosen Verkürzung in ihrem Einkommen diesen abgeneigt und gegen sie erbittert waren, so war es ein Leichtes und bedurfte kaum des Anstosses von Aussen, die eigentlichen Priester der Gesinnung und dem Streben des Volkes, das sich gegen die vornehmen als Römlinge wandte, zuzuführen. Daher kam es, dass sie beim Ausbruch der Revolution sich der Sache des Volkes ganz anschlossen und in dieser Stellung bis zu Ende verharrten. Allerdings zeugt diese Thatsache nur von der Gesinnung der Priesterschaft in der Hauptstadt; doch dass es sich ebenso auch auf dem Lande verhielt, erhellt aus einer bezeichnenden und für die Stimmung des Volkes in den Landstädten besonders wichtigen Bemerkung des Josephus. Gelegentlich der Schilderung der Pharisier und ihrer Macht (Antiquit. XVIII, 1, 3) sagt er nämlich: »Sie haben den grössten Einfluss auf die Gemeinden, so dass alle gottesdienstlichen Handlungen, Gebete und Opfer nach ihren Anordnungen geschehen; ein so rühmliches Zeugniss der Volksthümlichkeit geben ihnen die Städte, weil man überzeugt war, dass sie im Leben und im Reden nur das Beste suchen.« Es wird hier ausdrücklich von der Machtstellung der Pharisäer in den Provinzstädten gesprochen, deren Einfluss, wie wir hinzufügen können, auch die gewöhnlichen Priester, die in denselben unter dem Volke als ein nicht im Geringsten gesonderter Theil lebten, sich nicht entziehen konnten und auch gar nicht wollten. Da ergab es sich dann von selbst, dass, als es sich im Tempel zu Jerusalem um eine Streitfrage zwischen Pharisäern und Sadducäern handelte, die dienstthuende Priesterschaft, die aus irgend einer jüdischen Ortschaft für eine Woche nach Jerusalem gekommen war und gerade im Dienste stand, für die Ansicht der Pharisäer eintrat und keinen Augenblick zögerte, derselben durch die rasche That Geltung zu verschaffen. Es berichtet nämlich eine Baraitha in Sukka 43b:1) פעם אחת חל שביעי של ערבה להיות בשבת והביאו מרביות של ערבה מערב שבת והניחום בעזרה והכירו בהן בייתוסים ונטלום וכבשום תחת אבנים. למחר הכירו בהן עמי הארץ ושמטום מתחת האבנים והביאום הכהנים2) וזקפום בצידי המזבח לפי שאין בייתוסים מודים שחיבוט ערבה דוחה את השבת »Einmal fiel der siebente Tag der Weide (am Laubhüttenfeste) auf Sabbat, da brachte das Volk Weidenzweige am Freitag und legte dieselben in der Vorhalle nieder; da bemerkten sie die Boethuser, nahmen sie und drückten sie unter Steine. Am nächsten Tage bemerkte es das Landvolk, zog die Weidenzweige unter den Steinen hervor, und die Priester trugen sie hinein und stellten sie an den Seiten des Altares auf.« Die grosse Umgestaltung des Tempelwesens hatte die gewöhnlichen Priester mit dem Volke und den Pharisäern noch inniger verbunden und wir sehen sie im Kriege Schulter an Schulter kämpfen; die unglückliche Gestaltung der Verhältnisse hatte es zur natürlichen Folge, dass, wie es die talmudischen Berichte3) und Josephus4) besonders hervorheben, die gewöhnlichen Priester in grosser Zahl dem Schwerte zu Opfer fielen, während die vornehmen die belagerte Stadt verliessen und in’s römische Lager übergingen. Die übriggebliebenen unter den niedrigen Priestern bewahren ihre Gesinnung gegen die hochstehenden auch nach der Zerstörung des Tempels treu und während sie einerseits bei dem Volke verharren und seinen
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1) Zum Theile auch in Tos. Sukka II, 1 erhalten.
2) Rabbinowicz zur Stelle bemerkt, dass die Münchener Talmudhandschrift und auch manche Autoren, welche diese Stelle anführen, הכהנים nicht haben und Jesod Olam auch והביאום weglässt, weil auch, wie Rabbinowicz bemerkt, die Israeliten bei dieser Festesgelegenheit den Altar umkreist hätten. Doch ist es überhaupt nicht möglich, dass Laien zwischen den Altar und den inneren Tempelhof getreten seien, was doch beim Umkreisen des Altars unvermeidlich gewesen wäre; vgl. Sukka 44a אמר ריש לקיש כהנים בעלי מומין נכגסין בין האולם ולמזבח כדי לצאת בערבה. Das Volk stand bei allen Opferhandlungen in der Vorhalle der Israeliten und sah diesen zu, die es ja deutlich übersehen konnte; so sagt Josephus in Antiquit. VIII, 4 1: Der eherne Altar erhielt seinen Platz vor dem eigentlichen Tempel dem Eingange gerade gegenüber, so dass man bei geöffneter Thüre ihn vor Augen hatte und die heiligen Opferhandlungen, sowie den Reichthum der Opfer wahrnehmen konnte. Ebenso Antiquit. III, 6, 4: Wenn der Vorhang zusammengezogen war, konnte man in’s Heiligthum sehen, wie es besonders an Festtagen war.
3) j. Taanith IV, 69a.
4) Bellum Judaicum IV, 6, 3, VI, 2, 2, VI, 8, 2.


Schmerz mitfühlen, geben sie andererseits ihrem Hasse und ihrer Erbitterung gegen die hochstehenden Priester im eigenen Namen und in dem des ganzen Volkes Ausdruck, wie es aus der von einem Priester verfassten Assumptio Mosis1) ersichtlich ist. Die vornehmen Priester verschwinden mit dem Untergange Jerusalem’s aus der Geschichte, dagegen haben die gewöhnlichen durch ihren Anschluss an das pharisäische Judenthum sich mit diesem retten und erhalten können.
Fassen wir in kurzer Rückschau die wichtigeren Ergebnisse unserer Untersuchungen zusammen; die Quellen, aus denen die Angaben zur Geschichte des Tempelwesens im letzten Jahrzehnt vor der Zerstörung Jerusalem’s geschöpft werden können, sind fast ausschliesslich die talmudischen Litteraturwerke, freilich nur die auf alte und zuverlässige Ueberlieferungen zurückgehenden Berichte, die sich hauptsächlich in den Lehrhäusern von Lydda und Sepphoris erhalten haben und deren Glaubwürdigkeit, wenn sie einmal bis auf den zeitgenössischen Berichterstatter der Ereignisse zurückgeführt werden können, ohne triftigen Grund nicht angezweifelt werden darf. Josephus kommt für die inneren Verhältnisse in den letzten sieben Jahren des Tempelbestandes nur, so weit sie aus früherer Zeit unverändert geblieben sind, in Betracht; von den Umgestaltungen, die während jener erfolgt sind, weiss er nichts, weil er vom Jahre 63 ab fast ohne Unterbrechung von Jerusalem fern, erst in Rom, dann in Galiläa weilte und sich unterdessen wohl für die Vorgänge politischer Natur, so weit sie ihn selbst betrafen, interessirte, nach den religiösen jedoch gar nicht frug, weil er entweder kein Interesse oder keinen Blick für das innere, religiöse und gesellschaftliche Leben der Juden hatte. Er weiss demnach von der tiefgreifenden Umgestaltung des Tempelwesens, die mit dem Sturze des im Opferdienste sadducäisch auch handelnden Hohenpriesters Anan b. Anan ihren Anfang nahm und die Pharisäer zu den alleinigen Herren des ganzen Heiligthums machte, nichts zu erzählen. Die Mischna dagegen, die den von den Pharisäern eingeführten Gottesdienst mit allen seinen Einzelheiten mit erfreulicher Ausführlichkeit beschreibt, zeigt in ihrer ganzen Darstellung
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1) Siehe oben Seite 77.


deutlich, was Alles neu eingeführt und was verdrängt wurde. Wir erfahren, dass die vornehme Priesterschaft, die sich seit ältester Zeit um den Opferdienst nicht gekümmert hatte und in den Tempel nur gekommen war, um zu befehlen und sich die Einkünfte der gewöhnlichen Priester anzueignen, ihres Einflusses auf das Opferwesen völlig beraubt wurde und an ihre Stelle pharisäisch denkende Priester traten. Neue Tempelbeamte wurden statt ihrer gewählt und das Amt des Segan geschaffen, damit derselbe die Opferhandlungen des Hohenpriesters, die zur Ausführung sadducäischer Auffassungen Gelegenheit boten, überwache; diesem stehen die Vertreter des pharisäisch gestalteten Gerichtshofes, namentlich R. Jochanan b. Sakkai zur Seite, mit der Aufgabe, es ebenfalls zu verhindern, dass der Hohepriester im Tempel sadducäisch handle. Alles, was die Sadducäer im Opferdienste bestritten hatten, wurde jetzt mit grosser Feierlichkeit und grossem Schaugepränge vollzogen, so das Schneiden des Omer, das Wasseropfer am Laubhüttenfeste, die Zubereitung der Reinigungsasche und andere mit. Während vor dem Siege der Pharisäer alles mit den Opfern Zusammenhängende ausschliesslich von Priestern besorgt werden durfte, weil diese keinen Laien zulassen wollten, wurden jetzt zu allen Opferhandlungen, die dem Nichtpriester gestattet waren, absichtlich Laien berufen und diese Handlungen, die den Sieg des Volkes über die ausschliessende Priesterschaft zum Ausdruck brachten, wurden gleichfalls öffentlich in Begleitung grosser Festlichkeiten vollzogen. Die Sprache des Opferdienstes wird statt der aramäischen die hebräische und die dienstthuende Priesterschaft, da sie pharisäisch gesinnt war, wird von den leitenden Gesetzeslehrern in ihre alten Rechte, deren sie die Gewalt der vornehmen Priester beraubt hatte, eingesetzt und es werden nebst den ständigen Beamten des Tempels Amarkole und Gisbare aus der Mitte der jeweiligen Dienstabtheilung gewählt. Auch die Leviten die sowohl als Sänger, als auch als Tempelthorhüter bis zur Bedeutungslosigkeit hinabgedrückt wurden, werden ein wenig gehoben und gelangen in den Besitz einiger Aemter im Heiligthume. Selbstverständlich werden diese Umgestaltungen in allen Einzelheiten des Tempelwesens von den Vertretern der ausschliessenden Priesterschaft auf das Entschiedenste bekämpft, wie es das Targum Pseudo-Jonathan und das Jubiläenbuch, die diesem Kreise entstammen, zeigen; die Stellung der niedrigen Priesterschaft zu der hochstehenden beleuchtet auch die Assumptio Mosis, und einen interessanten Beitrag zur Geschichte der vornehmen Priester bietet auch das Evangelium in den Weherufen über die Pharisier. Andere Erkenntnisse haben sich uns in Bezug auf die Priester in den judäischen Landstädten ergeben, indem wir ihre Wohnorte ausfindig machten und besonders die einflussreiche Stellung der vornehmen in Jericho beleuchteten, andererseits das Verhältniss der gewöhnlichen zu dem Landvolke, in dessen Mitte sie lebten, zu bestimmen versuchten.
Es sind dies Einzelheiten, die, wenn richtig erkannt und genügend beleuchtet, zum Verständnisse der Stimmung in den verschiedenen Volksschichten unmittelbar vor dem Ausbruche der Revolution beitragen können, hauptsächlich aber in die noch wenig aufgehellte Entwickelung des Tempeldienstes in Jerusalem und die von den Pharisäern herbeigeführte Umgestaltung des ganzen Opferdienstes einen Einblick gewähren, wobei wir auch eine Phase des langwährenden Kampfes zwischen Pharisäern und Sadducäern von einer neuen Seite kennen lernen. Ist es diesen Untersuchungen gelungen, zur Lösung dieser schwierigen Fragen etwas beizutragen, so würde hiedurch der Zugang zu anderen, mit dem Tempel und den Pharisäern eng zusammenhängenden, das zwar engbegrenzte, aber nicht unergiebige Schriftthum dieser Zeit betreffenden Fragen erschlossen sein.

in Erinnerung an Prof. Dr. Adolf Büchler
Prof., Historiker, geb. 1867 in Priekupa (Ungarn), betrieb seine theologischen Studien auf der *Landes-Rabbinerschule Budapest und am *Jüd.-theol. Seminar zu Breslau.
Seine Dissertation: "Untersuchungen zur Entstehung und Entwicklung der hebr. Akzente" wurde 1891 in dem Sitzungsbericht der Wiener AkW veröffentlicht. 1892 ging er nach Oxford, um sich unter Leitung seines Oheims Adolf *Neubauer fortzubilden. Hier veröffentlichte er: The Reading of the Law and Prophets in a Triennial Cycle (in JQR V/VI, 1893). 1893 wurde er Dozent für j. Geschichte, Bibel und Talmud an der Isr.-theol. Lehranstalt zu Wien, und 1906 berief ihn das Jews' College in London zum Dir.
Vielen Dank