I. Die talmudischen Quellen zur Geschichte der Priester

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Es gibt sicherlich keinen Gegenstand und keinen Kreis auf dem ganzen Gebiete der israelitischen Geschichte, der mit solchem Aufwande von Fleiss und Gelehrsamkeit behandelt wurde, wie die Priesterschaft des Tempels in Jerusalem. Während nämlich ihre Anfänge und ihre Entwickelung von den Bibelforschern aufgesucht und verfolgt wurden, fand ihre spätere Geschichte in den die evangelischen Schriften behandelnden Werken die eingehendste Bearbeitung. Diesem letzteren Umstande ist es zu verdanken, dass alles auf die Priester bezügliche Material, so weit es als solches erkannt wurde, bis auf das Geringfügigste gesammelt, gesichtet und zum grossen Theile verwerthet ist, besonders das von Josephus dargebotene geprüft und mit den Angaben anderer Quellen verglichen und ergänzt wurde. Trotz der Vollständigkeit in den diesem Gegenstande unmittelbar und mittelbar gewidmeten Forschungen glaube ich wegen der gefundenen neuen Gesichtspunkte, welche sich hauptsächlich bei der sorgfältigen Berücksichtigung des von dem Talmud erhaltenen Stoffes ergaben, die Untersuchung über die Priesterschaft des Tempels in Jerusalem in manchen Theilen ihrer Geschichte von Neuem aufnehmen zu dürfen und zu müssen; dabei will ich, von den feststehenden und sicheren Ergebnissen der bisherigen Arbeiten ausgehend, auf völlig unbeachtete Angaben hinweisen, missverstandene richtig stellen und falsch gedeuteten den ihnen gebührenden Platz im Rahmen der Geschichte der Priester anzeigen.
Da ich das Neue, das die Grundlage meiner Darstellung bilden soll, in erster Reihe der talmudischen Literatur entnehme, ist es vor Allem unumgänglich nothwendig, über diese Quelle und die Art, wie ich dieselbe verwerthen werde, Einiges zu bemerken. Das Misstrauen und die Nichtachtung, mit denen man in der neuesten Zeit besonders von christlicher Seite den Mittheilungen der Mischna und des Talmuds über Geschehnisse, Vorgänge und Verhältnisse in Jerusalem und in dessen Heiligthum entgegentritt, lässt es ebenfalls erforderlich erscheinen, uns, bevor wir an unsere eigentliche Aufgabe gehen, über die Zuverlässigkeit der talmudischen Berichte Klarheit zu verschaffen. Gerade der Umstand, dass bedeutende Forscher neben grundsätzlicher Leugnung der Glaubwürdigkeit der einen Ueberlieferung einer andern theilweises oder gar volles Vertrauen entgegenbringen, die Berichte über das Synhedrion und die Hohenpriester zum Beispiel unberücksichtigt lassen, weil sie dieselben als werthlos hinstellen, dagegen die Beschreibung des Tempels und der täglichen Opferhandlungen fast wörtlich aufnehmen, ohne für diese Scheidung einen Grund anzugeben, eben die Beobachtung dieses Verfahrens macht es zur unerlässlichen Pflicht, ein Kriterium für eine wissenschaftlich begründete Auswahl festzustellen. Es muss ein wahrhafter Entscheidungsgrund gesucht werden, der die Berechtigung einer solchen, offenbar jeder Folgerichtigkeit entbehrenden Behandlung von Quellen entweder entschieden in Abrede stellen oder bestätigen kann, der aber zugleich das sichere Mittel liefern soll, mit Hilfe dessen die Mittheilungen des einen Mischnalehrers als geschichtliche Wahrheiten, die eines zweiten als aus Reflexion und Schriftdeutung hervorgegangene Schlussfolgerungen erkannt werden können.
Es kann wohl als unbestreitbare Regel gelten, dass die Berichte von Zeitgenossen allgemein als glaubwürdig angenommen werden dürfen, so lange zu dem Verdachte keine Veranlassung vorliegt, dass sie, wie es bei Josephus manchmal der Fall ist, durch persönliche Gründe oder gewisse Rücksichten zum Verlassen der streng sachlichen Darstellung geführt wurden. Doch muss auch, eben wegen Josephus die Allgemeingiltigkeit der ausgesprochenen Regel dahin eingeschränkt werden, dass auch der Bericht eines Zeitgenossen nur dann ungetheiltes Vertrauen beanspruchen kann, wenn diesem die Möglichkeit geboten war, in die Verhältnisse, die er uns vorführt, und in den Gang der Ereignisse einen Einblick zu gewinnen. Wer, wie Josephus, selber niemals geopfert oder die Opferhandlungen nie als Augenzeuge mitangesehen hat, kann nur schwer eine vollkommen entsprechende Beschreibung des nicht einfachen Verlaufes bieten; wer sich niemals unter das jüdische Volk Palästina’s gemengt, der dürfte kaum dessen Wünsche und Beschwerden, sein Geistes- und Gefühlsleben gründlich schildern können. Wohl kann Manches aus mündlichen Mittheilungen der Zeitgenossen zu dem Berichterstatter in der Mischna, dem keine persönlichen Beobachtungen zu Gebote standen, gelangt sein, dann muss aber der Gewährsmann, wie es eben in der talmudischen Literatur gang und gäbe ist, mitgenannt sein, um die Sicherheit zu bieten, dass uns eine den Thatsachen entsprechende Ueberlieferung vorliegt. lst dieses der Fall, so sind wir berechtigt und verpflichtet, auch die Berichte solcher Männer als zuverlässig anzuerkennen, die von den Ereignissen, welche sie schildern, wohl durch ein halbes Jahrhundert oder mehr getrennt sind, doch die Quelle namentlich bezeichnen, aus der ihre Angaben über die alte Zeit fliessen; dagegen ist der Zweifel an der vollen Wahrheit einer Mittheilung berechtigt, wenn die Zurückführung auf eine ältere Quelle fehlt oder der Lehrer des Berichterstatters, der der Gewährsmann des Berichtes sein kann, ohne ausdrücklich als solcher genannt zu werden, nirgends alte Traditionen erwähnt.

a) Die älteste Mischna.

Sehen wir uns nun nach diesen allgemeinen Bemerkungen die Reihe der Tannaiten an, die Zeitgenossen des Tempels in Jerusalem waren, dessen Zerstörung überlebten und in ihren von der Tradition erhaltenen Aussprüchen über die Hauptstadt und deren Heiligthum Auskunft ertheilen. Da finden wir 1. R. Jochanan b. Sakkai; 2. Nachum, den Medier (Nasir V, 4); 3. R. Zadok und seinen Sohn, Eleasar; 4. Zacharia b. Kebutal; 5. Abba Saul b. Batnith; 6. Zacharia b. Hakazzab; 7. R. Chanina, den Vorsteher der Priesterschaft; 8. Simon ‏הצנוע‎ (Tos. Kelirn I, I, 6); 9. R. Tarfon; 10. R. Jochanan b. Gudgeda; 11. R. Josua b. Chananja; 12. Jose b. Joeser1); 13. R. Elieser b. Jakob und
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1) vgl. Chagiga 18b und Grätz in Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums 1869, Seite 80.


andere, die wir im Verlaufe unserer Untersuchungen einzeln kennen lernen werden. Es ist von grosser Wichtigkeit, gleich hier darauf hinzuweisen, dass wir in der talmudischen Literatur ausser Simon aus Mizpah keinen Lehrer erwähnt finden, der einem frühem Geschlechte, als dem letzten vor der Zerstörung Jerusalems angehört hat und über Vorgange und Einrichtungen des Tempels berichtet. Hieraus folgt unmittelbar, dass die von der Mischna dargebotenen Beschreibungen mit voller Sicherheit nur für die Geschichte der letzten Jahrzehnte des Tempelbestandes verwendet werden können, für eine frühere Zeit aber nur so lange zu gebrauchen sind, als nicht anderweitig bekannt ist, dass die Verhältnisse, welche die Mischna wiederspiegelt, erst zur Zeit des Berichterstatters oder kurz vor derselben eingetreten sind. Mit dieser Behauptung über das Alter der auf den Tempel bezüglichen Mischnastellen befinde ich mich in tiefgehendem Widerspruche gegen die Forscher, die in ihren Untersuchungen über die Entwicklung der Mischna einen Theil derselben schon zur Zeit Hillel’s und Agrippa’s I. abgefasst sein lassen. Um demnach eine nach allen Seiten gesicherte Grundlage für unsere Betrachtungen zu gewinnen, ist es nothwendig, den im Allgemeinen ausgesprochenen Widerspruch auch im Einzelnen zu begründen.
Hoffmann 1) in seiner Beweisführung über das Alter der ersten Mischna weist auf Bikkurim III, 4 hin, wo gesagt wird, ‏ ,הגיעו להר הבית אפילו אגריפס המלך ניטל הסל על כתיפו‎ wenn das die Erstlinge bringende Volk zu dem Tempelberg gelangt, nimmt sogar Agrippa seinen Korb auf die Schulter', welche Stelle bezeugen soll, dass dieses Stück zur Zeit des Königs Agrippa redigirt wurde; hierunter sei wahrscheinlich Agrippa I. gemeint, der ein frommer König war und diese Vorschrift sicherlich befolgte, was sich von Agrippa II. schwerlich behaupten lässt. Philo habe wahrscheinlich ebenfalls unter Agrippa I. einer solchen Feierlichkeit beigewohnt.2) Ebenso bemerkt Hoffmann3) bei der Erörterung von Pessachim X, 1—7, dass gleich der erste
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1) Die erste Mischna (Jahresbericht des Rabbinerseminars zu Berlin 1881/82) Seite 15 und Berliner’s Magazin für die Wissenschaft des Judenthums IX, 96 ff
2) Grätz in Monatsschrift 1877, 433 ff.
3) a. a. O., Seite 16.

Satz aus alter Zeit stamme, denn eine Tosefta in b. Pessachim 107b bestimmt dazu, ‏אפילו אגריפס המלך שהוא רגיל לאכל בתשע שעות אותו‎ ‏,היום לא יאכל עד שתחשך‎ ,selbst der König Agrippa, der gewöhnt ist, um die neunte Stunde zu essen, esse an diesem Tage nicht vor Abend'. Ist auch vielleicht hier — so fährt er fort — Agrippa II. gemeint, so muss doch die Mischna, zu der dieser Zusatz gehört, aus früherer Zeit datiren. Auf Seite 17 dient Hotfmann die in Schekalim v, 1 , 2 erhaltene Liste der Tempelbeamten als Grundlage seiner Beweisführung und er sagt: ,Von einem hier genannten Beamten, dem Herold Gebini, wissen wir, dass er ein Zeitgenosse des Königs Agrippa war, da er nach dem Talmud zur Stelle und in b. Joma 20a einmal vom König Agrippa reiche Geschenke erhält. Dass dies Agrippa I. und nicht der II. war, lässt sich aus einem anderen Umstande schliessen. In Tos. Schekalim II, 14 werden nämlich noch andere Tempelbeamte genannt; nun ist nach der Tosefta Jochanan b. Gudgeda über die Verschliessung der Pforten gesetzt, während nach der Mischna ben-Geber dieses Amt verwaltet. Die betreffende Mischna und Tosefta sind also zu verschiedenen Zeiten redigirt worden. Die Zeit des Joehanan b. Gudgeda ist aber ziemlich genau bekannt, er lebte lange vor der Zerstörung des Tempels, aber auch noch nach der Zerstörung. Zur Zeit der Regierung Agrippa’s II. war also höchstwahrscheinlich Jochanan Vorsteher über die Thürhüter, der in der Mischna genannte ben-Geber und somit auch die übrigen dort erwähnten Tempelbeamten waren sonach Zeitgenossen Agrippa’s I.' Doch den kräftigsten Beweis bietet Sota VII, 8 dar, zu welcher Mischna Hoffmann (Seite 20) Folgendes bemerkt: »Dieselbe erzählt: ,König Agrippa nahm die Thorarolle aus der Hand des Hohenpriesters stehend; die Weisen lobten ihn dafür. Als er die Stelle vorlas: Du kannst keinen Fremdling als König über dich setzen , flossen Thränen aus seinen Augen; da sprachen die Weisen zu ihm: Fürchte nicht Agrippa, du bist unser Bruder.« Dass hier von Agrippa I. und nicht dem II. berichtet wird, ist schon aus allgemeinen Gründen nicht zu bezweifeln. Nur Agrippa I. war nach den übereinstimmenden Berichten des Josephus und der talmudischen Quellen gesetzestreu und deshalb beim Volke und den Weisen beliebt. Bei Agrippa II. wäre eine solche Scene, wie sie die Mischna beschreibt, ganz unerklärlich Dazu kommt noch ein besonderer Grund, der allein schon verbietet, hier an Agrippa II. zu denken. Josephus (Antiquit. IV, 8, 12) lässt die betreffende Vorlesung der Thora nicht, wie die Mischna, vom Könige, Sondern vom Hohenpriester halten. Daraus ist mit Sicherheit zu schliessen, dass Agrippa II., der Zeitgenosse des Josephus, diese Vorlesung dem Hohenpriester überlassen hatte. von der Praxis zur Zeit Agrippa’s I. hatte Josephus natürlich keine genaue Kenntniss, oder er nahm keine Notiz davon; daher die Differenz zwischen ihm und der Mischna. Unerklärlich wäre es aber, dass Josephus nicht dem Könige diese Vorlesung zuschriebe, wenn diese Praxis zu seiner Zeit befolgt worden wäre« soweit die eingehenden Ausführungen Hoffmann's; dieselbe Richtung verfolgen auch die Lerner’s,1) der den ersten Mischnaredactionen ein noch höheres Alter zuschreibt. Doch beweist er gegen Hoffmann2) von den Tempelbeamten der Tosefta, dass sie Zeitgenossen der in der Mischna aufgezählten waren und alle in die Zeit Agrippa’s II. gehören, und er gelangt,3) wie wir auf Grund anderer Thatsachen, zu dem Ergebnisse, dass die Tractate Joma, Tamid, Middoth und die Liste der Tempelbeamten in Schekalim V nicht früher, als kurz nach der Zerstörung des Tempels können redigirt worden sein.
Darin jedoch, dass sich die an letzter Stelle angeführte Schilderung auf Agrippa I. beziehe, stimmen fast alle Forscher, die sich mit dem Berichte über die Thoravorlesung des Königs Agrippa beschaftigten,4) überein; nur Asarjah de Rossi,5) Derenbourg6) und Brann in besonders eingehender Erörterung haben die Ansicht vertreten, dass Agrippa II. gemeint sei. Der letztgenannte weist7) mit Nachdruck auf j. Sota VII, 22a ‏תני רבי‎ ‏חנניה בן גמליאל אומר הרבה חללים נפלו באותו יום שהחניפו לו‎ hin, wo gemeldet wird, dass an dem Tage, als die Juden dem Könige Agrippa so schmeichelten, viele erschlagen wurden, zur Zeit
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1) Magazin für die Wissenschaft des Judenthums, XIII, 8.
2) a. a. O., Seite 11.
3) a. a. O., Seite 15.
4) Siehe Brann in Monatsschrift 1870, 541, Note 4.
6) Meor Enajim, Imre Binah, Cap. 21.
7) Essai sur l’histoire, Seite 217.
8) Monatsschrift 1870, Seite 545.


Agrippa’s I. aber kein Aufstand stattgefunden hat, auf den diese historisch nicht anzuzweifelnde Bemerkung passen würde. Da diese jedoch auch in einer anderen nur geringe Beweiskraft enthaltenden Relation sich findet,1) müssen wir, um für diesen alleinstehenden Bericht eine Bestätigung zu gewinnen, die Untersuchung von einer andern Seite aufnehmen. Wir — müssen uns fragen, ob denn die talmudische Tradition die Erinnerung an mehrere solche Thoravorlesungen — wie sie doch der Widerspruch zwischen Josephus und der Mischna betreffs des Vortragenden voraussetzt, — bewahrt hat, so dass das Schwanken zwischen Agrippa I. und dem II gerechtfertigt ist, — wodurch das vorlesen des Königsabschnittes sich zugleich als feststehende Sitte ergeben würde, — oder ob wir es, wie bei zahlreichen von der Mischna beschriebenen religiösen Handlungen, mit einem blos einmaligen Vorkommnisse zu thun haben, welches nur durch das Zusammenwirken aussergewöhnlicher Umstände veranlasst ward und als Ausnahme zu gelten hat? Josephus, auf den man sich am häutigsteu beruft, der aber in Wirklichkeit von religiösen Bräuchen sehr wenig spricht, lässt den Hohenpriester den Thoraabschnitt vortragen, ohne aber jemals der thatsächlichen Ausführung dieser Vorschrift zu gedenken; er scheint aus Rücksicht auf die Römer an Stelle des Königs einfach den Hohenpriester gesetzt zu haben, ohne dass Thatsachen hiezu Veranlassung geboten hätten. Denn bekanntlich waren die Hohenpriester der nachherodianischen Zeit nicht so geartet, dass sie selber an die Erfüllung solcher Gebote, die sie wegen ihrer Unwissenheit hätte beschämen können, erinnert hatten. Wenn die pharisäischen Gesetzeslehrer hiezu nicht angeeifert haben, so unterblieb, wie vieles Andere, auch dieses; die Pharisäer aber verfügten unter Agrippa I. noch nicht über eine solche Macht, um den Hohenpriester oder den König zur öffentlichen Ausübung einer seit vielen Jahrzehnten nicht beachteten Vorschrift zu veranlassen. Doch abgesehen von diesen Vermuthungen und Schlüssen, denen, solange sie allein stehen, nur geringe Beweiskraft zuzuerkennen ist, findet sich in den talmudischen Berichten nur eine einzige Gelegenheit verzeichnet, wo eine solche Vorlesung stattgefunden hat.
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1) vgl. Monatsschrift 1870, Seite 545.


R. Tarfon, der Priester, erzählt,1) dass er seinen Onkel, der lahm war, bei der grossen Festversammlung, in welcher der König den Thoraabschnitt aus Deuteronomium 17 zu ver- lesen hat, die Trompete blasen sah. Damit wir über die Zeit des Vorfalles, die ohnehin genau bestimmbar ist, auch nicht einen Augenblick im Unklaren seien, gebe ich den Wortlaut des Parallelberichtes in Tos. sota VII, 15, der im Zusammenhange mit der Vorlesung Agrippa’s meldet,
אותו היום היו הכהנים‎
‏בגדירות ובפרצות וחצוצרות של זהב בידם ותוקעים ומדיעים וכל כהן שאין בידו‎
‏חצוצרת אומרים דומה שאין זה כהן. שכר גדול היה להם באנשי ירושלים שמשכירין‎
‏חצוצרת בדינר זהב. בו ביום ראה רבי טרפון חינר עומד ומריע בחצוצרת. משם‎
‏ראה רבי טרפון ואמר חיגר תוקע במקדש. משם נתחייבו ישראל כלייה שחינפו לו‎
‏לאגריפם
das Agrippa am selben Tage den Thoraabschnitt vortrug, an welchem R. Tarfon den lahmen Priester die Trompete blasen sah. Da R. Tarfon zur Zeit der Zerstörung des Tempels ein junger Priester war, ist es ausgeschlossen, dass er im Jahre 41 unter Agrippa I. seinen Onkel in der Festversammlung soll fungiren gesehen haben, so dass es unzweifelhaft wird, dass einzig und allein Agrippa II. im Jahre 62/63 gemeint sein kann.2)
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1) Sifre, Numeri §. 75; j. Joma I, 38d; Frankel, Hodegetik, Seite 102.
2) ‎Was R. Chanina b. Gamaliel, dem wir die Nachricht Über den Auf‎stand am Tage der Thoravorlesung verdanken, betrifft, so glaube ich nicht,‏ ‎dass er der Sohn des Patriarchen Gamaliel II. gewesen. Gerade die Form, ‎in welcher R. Simon b. Gamaliel in Tos. Nidda VII, 5 ,‏חנינא בן גמליאל מדברי‏ רואה אני את דברי רבי über seine Ansicht sich äussert, beweist, dass er nicht sein‏ ‎Bruder war. In Tos. Joma I, 4 berichtet Chanina über die Bestimmung des‏ ‎Segan dasselbe, was in der Baraitha j. Joma I, 38c, b. Joma 39a Chanina,‏ ‎dem Vorsteher der Priesterschaft und Chanina b. Antigonos zugeschrieben‏ ‎ist. Und es scheint eine Verwechslung mit um so grösserer Wahrscheinlichkeit‏ ‎angenommen werden zu dürfen, als Chanina b. Gamaliel in Tos. Joma I, 6‏ ‎von dem letzten Hohenpriester Pinchas sagt, dass er sein Verwandter war,‏ ‎während wir nirgends auch nur die leiseste Andeutung dessen finden, dass‏ ‎das Patriarchenhaus mit dem Hohenpriester verschwägert war, was doch ge‎wiss nicht unerwähnt geblieben wäre; umsoweniger als der priesterliche‏ ‎Schwiegersohn Gamaliel's I., Simon b. Nathanel in Tos. Aboda sara III, 10‏ ‎ausdrücklich genannt wird. Auch die Mittheilung des Chanina b. Gamaliel in Tos. Aboda sara V, 2, j. Aboda sara III, ‏ של בית אבא היו חותמין בחותם של פרצופות 42 ‎‏ ‎weist darauf hin, dass er der Tempelzeit sehr nahe stand, wie diejenigen,‏ ‎mit denen er verwechselt wurde; ebenso die unmittelbar darauf folgende‏ ‎Bemerkung des R. Eleasar b. Zadok über die Figuren in Jerusalem. Es ist‏ ‎also mehr als wahrscheinlich, dass es einen älteren Chanina b. Gamaliel gab,‏ ‎als denjenigen, der mit R. Simon b. Jochai und R. Meir verkehrte.‏


Was nun die von Hoffmann für die Zeit Agrippa’s I. erbrachten Belege betrifft, so ist kein einziger derselben so überzeugend und beweiskräftig, dass die Annahme Agrippa’s II. unmöglich erschiene. Es steht weder bei der Darbringung der Erstlinge, noch beim Pessachrüsttage, — wo übrigens, wie wir gesehen, auch Hoffmann zugibt, dass mit höherer Wahrscheinlichkeit an Agrippa II. zu denken ist, — ausdrücklich, dass der König sich in Wirklichkeit an dem Feste mit einem Korbe auf der Schulter, beziehungsweise mit Aufschub der gewöhnlichen Mahlzeit betheiligt hätte, sondern die Mischna und die Tosefta bemerken nur, dass der König dieselben Pflichten habe, wie ein gewöhnlicher Mann; da das genannte Fest in der von der Mischna beschriebenen Weise unter Agrippa II. gefeiert wurde, nennt sie ihn als Beispiel eines Königs überhaupt, ohne aber hiemit zur Annahme zu berechtigen, dass sie in diesem Zwischensatze die Wirklichkeit schildere. Was aber den von allen Forschern einhellig angeführten Beweisgrund anbelangt, dass wir von der Frömmigkeit Agrippa’s II. nichts wissen, dagegen die Agrippa’s I. Josephus nachdrücklich betont, so muss man die im Jahre 62/63 gesehaffenen ausserordentlichen Verhältnisse berücksichtigen, denen wir im Verlaufe unserer Erörterungen grössere Aufmerksamkeit zu widmen haben werden. Da werden wir sehen, dass mit dem Abtreten des ausgesprochen sadducäischen und in der praktischen Durchführung seiner Ansichten thatkräftigen Hohenpriesters, Anan b. Anan, eine tiefgreifende, einschneidende Umgestaltung im Tempeldienste und in allen mit dem Heiligthume zusammenhängenden Einrichtungen durchgeführt und das pharisäische Princip, von dem vorbereiteten und planmässig bethätigten Widerstande des sadducäischen Hoenpriesters zur Reaction herausgefordert, mit einer alle Seiten des religiösen Lebens umspannenden Folgerichtigkeit zur vollen Geltung gebracht wurde. Da werden die Erstlingsfrüchte mit grosser Feierlichkeit nach Jerusalem getragen, das zur Omerschwingung nöthige Getreide mit auf Eindruck berechnetem Aufwand geschnitten, der Vorabend des Pessachfestes streng beobachtet, der Dienst des Versöhnungstages, das Fest des Wasserschöpfens, der Strauss der Weidenzweige, die Verbrennung der rothen Kuh, Alles, was von den Sadducäern angezweifelt, bestritten oder anders geübt wurde, mit Wärme und Begeisterung umgeben, dem Hohenpriester das Recht, den Königsabschnitt vorzutragen, das ihm Josephus zuerkennt, ohne dass jener davon jemals Gebrauch gemacht hätte, entzogen und der aus heidnischem, wegen Herodes verhasstem Geschlechte stammende Fürst dem sadducäisch gesinnten Hohenpriester vorgezogen. Diese bisher fast gar nicht beachtete, alle Schichten des religiösen Lebens plötzlich umgestaltende Bewegung um das Jahr 63 ist es, die von der Mischna in ihren einzelnen Tractaten, Joma, Sukka, Pessachim, Schekalim, Sota und Para eingehend und ausführlich geschildert wird; und in ihrer Darstellung tritt die Thatsache, dass der in der Mischna beschriebenen Art des Tempels und des Opferdienstes und der der Ausführung desselben im Einzelnen kurz vorher andere Formen und Verhältnisse vorangingen, die eben erst verdrängt wurden, diese Thatsache tritt so klar und scharf hervor, dass es auffallend ist, wie die Forscher dieser gewaltigen Umgestaltung des ganzen Tempeldienstes so wenig Aufmerksamkeit schenkten. Die Stimmung, welche der durchgreifende Sieg der Pharisäer und ihre Begeisterung hervorgerufen, erklärt auch das Benehmen Agrippa’s II., und auch die Einzelheiten des talmudischen Berichtes, besonders die Nennung der ‏,חכמים‎ die den König für seine Frömmigkeit loben und die, wie wir es vielfach bestätigt finden werden, erst im letzten Jahrzehnte des Tempelbestandes eine nennenswerthe Rolle erlangen, führen auf die Zeit Agrippa’s II. Warum Josephus von dieser mächtigen Bewegung nichts weiss und auch die Vorlesung des Thoraabschnittes dem Hohenpriester zuschreibt, werden wir bald erfahren.