V. Die Priester ausserhalb Jerusalem’s - a) Die Priester in Judäa.

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Es hat sich uns oben (Seite 49) das Zahlenverhältniss der in Jerusalem wohnenden Priester zu denen ausserhalb der Hauptstadt sesshaften als 1 zu 4 ergeben und wir fanden, dass in dieser fast 5000 sich aufgehalten haben dürften, so dass auf das übrige Judäa ungefähr 20.000 entfielen. Es drängt sich nun die Frage auf, wo diese gewohnt haben und wie sie zu dem Tempel in Jerusalem standen? Da die Eintheilung der Priesterschaft in 24 Dienstklassen historisch bezeugt ist1) und auch die aus jener sich ergebende Ablösung der einzelnen Abtheilungen in Wirklichkeit allwöchentlich geschah, so musste jede Priesterklasse, abgesehen von den Wallfahrten, zu denen inmitten des ganzen Volkes gewiss auch die Priester alle in Jerusalem sich einfanden (Sukka V, 7), mindestens zweimal im Jahre den Tempel aufsuchen. Es ist nun wahrscheinlich, dass die meisten von ihnen aus Rücksicht auf die Beschwerlichkeit der Reisen, — der Weg von Dora, in der Nähe Cäsarea’s am Meere nach Judäa nahm vier Tage in Anspruch2) und wer aus Galiläa nach Jerusalem gelangen wollte und seinen Weg über Samarien nahm, musste drei Tage reisen,3) — wie es ohne
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1) Vgl. Schürer II, Seite 184.
2) Contra Apionem II, 9.
3) Josephus, Vita 52; vgl. Steck in Jahrbücher für protestantische Theologie 1880, Seite 709 ff.


hin vorausgesetzt werden könnte,1) nicht weit vom Mittelpunkte entfernt gewohnt haben. Es fragt sich nur, ob sie, wie es Nehem. 11, 20 besagt, zerstreut in den verschiedenen Städten Judäa’s wohnten, oder durch ihre Zusammengehörigkeit betreffs Abstammung, Dienstzeit und gemeinsamer Pflichten veranlasst an manchen Orten in grösserer Zahl sich zusammenfanden oder vielleicht gar die ganze Bewohnerschaft manches Dorfes ausmachten? Das Letztere setzt der Bericht über die Leviten in Nehemias 12, 20, כי חצרים בנו להם המשוררים סביבות ירושלים‎‎ von den Tempelsingern voraus, die sich eigene Wohnsitze in der Umgebung Jerusalem’s, in Städten, welche in Vers 28 namhaft gemacht werden, מן הככר סביבות ירושלים ומן חצרי נטופתי ומבית הגלגל ומשדות גבע ועזמות erbaut hatten. Und was die Leviten aus Rücksicht auf ihre Beziehungen zum Tempel gethan, dürften auch die Priester nicht verabsäumt haben und in Wirklichkeit spricht II Chronik 31, 15 von Städten der Priester, die den Eindruck machen, ausschliesslich diesen angehört zu haben. Wohl wird die Glaubwürdigkeit des Inhaltes durch die übrigen Einzelheiten des ganzen Abschnittes stark geschwächt und in Frage gestellt, doch bleibt dem Berichte noch immer soviel Beweiskraft, um die Möglichkeit des Vorhandenseins von Priesterstädten zu stützen. Origenes2) bezeichnet Beth-Phage als ein Priesterdorf, was, wenn es auch nicht als gesicherte Ueberlieferung anerkannt werden kann, zu der Annahme berechtigt, die sich aus der Betrachtung der Verhältnisse ohnehin empfiehlt, dass es nämlich Priesterdörfer gegeben haben dürfte. Doch wo soll die Untersuchung über diese ansetzen?
Gehen wir, den bisher verfolgten Weg unserer Darlegungen beibehaltend, von einzelnen Angaben aus, die sich zerstreut und ohne in dem Punkte, der sie für uns werthvoll macht, beabsichtigt zu sein, in der talmudischen Litteratur finden, um dann, falls sich die Grundlage als ziemlich sicher erweist, einen allgemeinen Schluss zu ziehen. In j. Tanith IV, 69a wird von R. Jochanan, dem verlässlichen Berichterstatter über die durch die Zerstörung vernichtete Grösse Jerusalem’s und Judäa’s,3)
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1) Schürer II, Seite 191.
2) Comment. in Matth. 16, Cap. 17; siehe Schürer II, Seite 191, Note 57.
3) Siehe Weiss, Geschichte der jüdischen Tradition III, Seite 72, Note 8; Bacher, Agada der palästinensischen Amoräer I, Seite 207.


in b. Berachoth 44a von R. Jizchak Folgendes erzählt: שמונים זוגים אחים כהנים נישאו לשמונים זוגות אחיות כהנות בלילה אחד בהדה גופנא חוץ מאחים בלא אחיות אחיות בלא אחים achtzig priesterliche Brüderpaare heirateten in einer Nacht achtzig priesterliche Schwesternpaare in Gofna, ausserdem noch Brüderpaare solche Mädchen, die keine Schwestern und Schwesternpaare solche Männer, die keine Brüder waren. Wenn auch die über die Maassen ausgeschmückte Beschreibung und die übertreibende Zahl den Ernst und die Vertrauenswürdigkeit des Berichtes, wie auch die Kraft des Zeugnisses schwächen, so besagt derselbe in dem der Uebertreibung zu Grunde liegenden Stoffe dennoch deutlich, dass in der Stadt Gofna eine grosse Anzahl von Priesterfamilien wohnte, die sich untereinander verschwägerten. Es kann demnach als Thatsache hingestellt werden, dass das nördlich von Jerusalem gelegene Gofna1) von vielen Priestern bewohnt war, die, wie es scheint, mit einander auch verwandt waren. Dasselbe lässt sich von einer allgemein bekannten, grossen Stadt im Osten Judäa’s, von Jericho erweisen; in b. Taanith 27a findet sich nämlich folgende Baraitha: תנו רבנן עשרים וארבעה משמרות בארץ ישראל ושתים עשרה ביריחו‏,עשרים וארבעה משמרות בארץ ישראל ושתים עשרה ביריחו‎ vierundzwanz‎ig Priesterabtheilungen gab es in Palästina und zwölf davon in Jericho. Aus dieser die Grösse und den Volksreichthum übertreibend schildernden Mittheilung geht jedesfalls die Thatsache mit Sicherheit hervor, dass in dieser Stadt eine grosse Anzahl von Priestern wohnte. Der Talmud, der den zweiten Theil des Berichtes wörtlich fasste und die zwölf Dienstklassen so erklärte, als ob diese neben den im ersten Theile genannten 24 bestanden hätten, fand jenen natürlicherweise unmöglich und gab ihm die gekünstelte Deutung, dass, so oft aus einer jüdischen Stadt eine Priesterabtheilung nach Jerusalem zog, nur die Hälfte derselben dahinging, während die andere sich nach Jericho begab, um die dienstthuenden Priester ihrer Abtheilung von dort aus mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Auf die Unhaltbarkeit dieser Erklärung, welche besonders an der völlig unwahrscheinlichen Mittheilung scheitert, dass die opfernden Priester im Tempel nichts zu essen hatten und von Jericho aus verpflegt werden mussten, hat schon Herzfeld2) aufmerksam gemacht,
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1) Siehe Neubauer, La géographie du Talmud, Seite 157.
2) Geschichte II, Seite 193; vgl. Rabbinowicz zur Stelle, Note 4.


doch ist auch er, da er ebenfalls davon ausging, dass die übertreibenden Zahlenangaben der Agada streng wörtlich zu nehmen sind, zu einer ebenso gezwungenen Deutung der Baraitha gelangt. Von einer anderen Seite, doch gleichfalls in Beziehung zu dem Tempeldienste in Jerusalem wird die Grösse Jericho’s geschildert in j. Taanith IV, 67d תני עשרים וארבעה אלף עמוד מירושלים וחצי עמוד מיריחו. אף יריחו היתה יכולה להוציא עמוד שלם אלא בשביל לחלוק כבוד לירושלים היתה מוציאה חצי עמוד‎ die Standmannschaft, welche die Stadt Jerusalem in ihrer Vertretung in den Tempel entsandte, betrug 24.000 Mann, Jericho schickte die Hälfte davon; wohl wäre es im Stande gewesen, ebensoviel wie Jerusalem zu stellen, doch, um diesem den Vorrang zu lassen, that es Solches nicht. Hienach war Jericho nicht etwa hauptsächlich von Priestern bewohnt, doch da einen beträchtlichen Theil der Standmannschaft Priester bildeten, mussten sie einen nicht geringen Theil der ganzen Bevölkerung ausgemacht haben. Sie müssen, was ja die natürliche Folge der grossen Anzahl ist, über grossen Einfluss verfügt und dieselbe Stellung, wie die Priesterschaft in Jerusalem durch ihre Zahl, eingenommen haben, die kennen zu lernen, es von hohem Interesse wäre.
Glücklicherweise ermöglichen es die talmudischen Quellen durch ihre zuverlässigen Ueberlieferungen, dass wir auch Näheres über einen Theil und zwar den wichtigsten der Priesterschaft in Jericho erfahren und einen Einblick in die gesellschaftliche Stellung der vornehmen Priester in der grössten Provinzstadt Judäa’s gewinnen, indem die Berichte zugleich ein helles Licht auch über die allgemeinen Verhältnisse in Jericho verbreiten. An der so vielfach angeführten Stelle in Pessachim 57a, welche die Hohenpriester der letzten Jahrzehnte des Tempelbestandes mit so grellen Farben schildert, wird zu Anfang in einer Baraitha erzählt, wie sich die vornehmen Priester in Jerusalem die Felle der am selben Tage dargebrachten Opferthiere, welche den den Opferdienst besorgenden Priestern gehörten, gewaltsam aneigneten; worauf dann das von Abba Saul b. Batnith so düster gemalte Bild der empörenden Missbräuche und Gewaltthätigkeiten von Seiten der Hohenpriester folgt. Zwischen beiden Schilderungen, die das Gebahren der vornehmen Priester im Tempel und das der Hohenpriester im Volke behandeln, befindet sich die Mittheilung, תניא אבא שאול אומר קורות של שקמה היו ביריחו והיו בעלי זרועות נוטלין אותן בזרוע. עמדו בעלים והקדישום לשמים. עליהם ועל כיוצא בהם אמר אבא שאול בן בטנית אוי לי... Abba Saul sagte; Balken von Sykomoren gab es in Jericho und die Männer der Gewaltthätigkeit eigneten sich dieselben mit Gewalt an, da weihten sie die Eigenthümer Gott; auf jene und ähnliche Männer sagte Abba Saul b. Batnith: ‚Wehe mir, u. s. w.' Wire das die beiden Berichte miteinander verbindende עליהם auch nicht vorhanden und nicht Abba Saul, der immer über Vorgänge im Zusammenhange mit dem Tempel und im Kreise der Priester berichtet, der Tradent beider Geschehnisse, die in beiden Baraithen gleichlautenden charakteristischen, hervorstechenden Worte, das gleiche Verfahren der Eigenthümer in beiden, inhaltlich verschiedenen Fällen, die unmittelbare Aufeinanderfolge und die Stellung der Erzählung in Mitten der anderen über die Missbräuche der Priester handelnden hätten es überzeugend genug dargethan, dass sich dieselbe auf die nämlichen, die vornehmen Priester bezieht. So wie sie im Heiligthum den während der kurzen Dienstzeit im Tempel auf das geringe Einkommen angewiesenen Priestern die Felle der Opferthiere und in der Stadt die zu ihrem Unterhalte bestimmten Abgaben von den Bodenerträgnissen mit roher, rücksichtsloser Gewalt entrissen, so beraubten sie in Jericho die Sykomorenpflanzer der schönsten, dort besonders gut gedeihenden Baumstämme und wie den Priestern im Tempel kein anderer Ausweg blieb, um den Missbräuchen ein Ziel zu setzen, als die Felle dem Heiligthume zu weihen, ebenso den Eigenthümern der Bäume in Jericho.1)
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1) Ob diese Massregel der rücksichtslosen Gewalt gegenüber nützte, wird nicht gesagt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die vornehmen Priester sich auch darüber hinwegsetzten. Aehnliches berichtet Josephus in Bellum Judaicum V, 1,5, dass das Holz, welches der König Agrippa II zur Hebung des Tempels vom Libanon herbeischaffen liess, zu Kriegsmaschinen verwendet wurde, was sich wohl durch die vom Kriege geschaffene Nothlage rechtfertigen lässt, von Josephus aber als ein mit Sünden gebautes Werk bezeichnet wird. Jedenfalls aber zeigt die Thatsache selbst, dass es für diejenigen, denen die Durchführung ihrer Pläne in erster Reihe am Herzen lag, kein Hinderniss bildete, dass das Holz dem Tempel geweiht war.