Haß. (‏שנאה)‎ Kapitel 15

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Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen. (III, 19, 17.)

§. 113. Haß ist das Gefühl, daß das Dasein irgend eines Wesens unserem eigenen Dasein hinderlich sei, seine Vernichtung unser Dasein ergänzen würde. Mit anderen Worten: sich nicht ganz fühlen, so lange noch dies oder jenes da ist. — Es ist dies Gefühl Tod, ja Umkehrung des menschlichen Herzens, das Gott zum allweiten Allumschluß aller Wesen geschaffen, und das nun ein oder alle Wesen bis zum Wunsch ihres Nichtdaseins ausschließt, und nur sich umschließt, d. h. Stein wird. — Sobald du darum Haß gegen irgend ein Wesen in dir aufkeimen siehst, sei überzeugt, du habest deine Lebensstufe eingebüßt.

§. 114. Trauriger Vorzug des Menschen! Alle Wesen buhlend lieben — und Wesen eigener Gattung hassen zu können! Es entsteht aber Haß zwischen Mensch und Mensch dadurch: 1) daß einer wirklich mit frevelndem Wort oder frevelnder That den andern beeinträchtigt, also wirklich sein Dasein gefährdet hat; 2) daß beide in Erstrebung eines und desselben Gutes sich begegnen, also sich scheinbar gegenseitig beschränken —

§. 115. Das Gefühl soll nie in deinem Herzen gegen irgend einen Menschen weilen. Es ist ja dein Bruder, Kind desselben Gottes, mit gleichen Ansprüchen ans Leben von Ihm ins Leben gesetzt. Wenn du ihn hassest, — ihn weg wünschest, — so hassest du, wünschest du auch Gottes Hand weg, die die Brüder neben dich gesetzt, auf daß du als Bruder sie achten sollst. — Selbst im Beleidiger vergiß nicht, daß es dein Bruder sei, — bedaure ihn, daß dein Bruder also sich verirren konnte, — stelle ihn zur Rede, — und vergiß.

§. 116. Aber vor allem bedenke: ist's nicht überhaupt nur Wahn, nur Lüge, daß das Dasein irgend eines Menschen deines beeinträchtige, seine Vernichtung zu deinem Heile notwendig wäre? Sind es denn Menschen, bist du es, ist er es, die ihr euch die Güter des Lebens verschaffet? Könnt ihr mehr thun, als blos das Samenkorn des Fleißes säen und den Sonnenstrahl des Segens von Oben erwarten? Ist’s denn nicht Gott, der Verteiler aller Lebensgüter ist, Segen spendet oder Fluch den Bemühungen der Menschen? Und ist dessen Hand zu kurz, seine Liebe zu karg, dich und noch Millionen Brüder neben dir ins Leben zu führen, zu erhalten und des Lebens froh zu machen? Muß Er dir denn entziehen den Segen, den Er dem Bruder neben dir erteilt? Und wenn nun vernichtet wäre der Bruder — hinge nicht auch dann noch dein Gedeihen eben so von desselben allmächtigen Gottes Walten ab wie jetzt? — O, wenn du es doch beherzigtest, wie die Anerkennung, die Gott dir bestimmt, dir wird, — die Stelle, die Er dir bestimmt, du einnehmen wirst, — und du erhalten wirst die Summe von Gütern, die Er dir bestimmt, — und wenn auch Millionen neben dir nach Gleichem streben; und was dir nicht wird, dir nicht deshalb nicht wird weil auch ein anderer danach strebt, sondern weil Gottes weise Waltung dir’s nicht bestimmte — Siehst du nicht, wie der Brot-, Ehre- und Glücks-Neid, der dich deinen Bruder hassen läßt, Gottesleugnung ist, Leugnung ist, daß Ein Gott es ist, dessen allgerechte Liebe allmächtig waltet über jeden Menschen, und die Geschicke der Menschen bestimmt? — Neben Millionen Glückssaaten lege auch das Samenkorn deines Glückes, und bete zu Gott, daß sie alle aufgehen zum Heile aller; Er ist reich genug an Liebe und Macht solch reines Gebet zu erfüllen.

§. 117. Aber — es hat das Frevelwort, die Frevelhand deines Bruders die Fackel der Zerstörng in deines Lebens Glücksgebäude geworfen — — sollst du
ihn da nicht hassen? — Hassen? Nein! Auch da verehre Gottes Waltung, die, hoch über Fassung menschlichen Gedankens, des Bösen Verbrechen — Strafe und Züchtigung des zu Bessernden, — erziehende Prüfung des Erziehungsfähigen sein läßt. Konnte vernichtet werden dein Glücksbau, wenn Gott es nicht zugelassen? — würde er nicht vernichtet worden sein, wenn auch kein Verbrecher sein Verbrechen zum Werkzeug geliehen? Du nimm, wie anderes Leiden, auch solches hin aus Gottes Händen und benutze es zur eigenen Besserung oder Vollendung; harre Gottes, der von Nacht zum Morgen, von Leiden zur Freude, vom Tode führt zum Leben; Ihm überlasse es, daß er den Bösen des Bösen zeihe, — aber hasse nicht, — sündige nicht durch Haß. — Hat er denn dir gesündigt? das Deinige dir zertrümmert? hat er nicht gegen Gott gesündigt, und an Gottes Heiligtum gelegt die frevelnde Hand?

§. 118. Das Böse hasse — aber nicht den Bösen. Nur da, wo ein Böser also sich mit dem Bösen verselbert hat, daß er selbst dir als Quelle des Bösen dasteht, da wird’s schwer, das Böse vom Bösen auszuscheiden, den magst du hassen, — du hassest in ihm das Böse nur. — Ein solcher ist aber der, der vor dir als unverbesserlich, mit Bewußtsein und Absicht Böses übender Böser dasteht, von dessen Unverbesserlichkeit und Absichtlichkeit du dich durch wiederholtes, erfolgloses Warnen und Mahnen überzeugt hast. Vor allem aber der Verführer, der, nicht nur selber bös, den Keim des Bösen in Andere legt und großzieht und entfaltet, — Sittlichkeit und Göttlichkeit auch nur in eines Menschen Seele ertötet, ja nur zu ertöten sich bemühet — den hat der allliebende Gott selbst von der Liebe und dem Erbarmen des Menschenherzens ausgeschlossen, — den darfst du nicht lieben, denn in ihm liebtest du die Sünde selber, zu deren Handlanger er sich geweiht.