V. 10. Deine Wangen stehen lieblich in den Ketten

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V. 10. Deine Wangen stehen lieblich in den Ketten.
Sowie diese Wangen nur zum Reden geschaffen sind, so sind auch Mose und Aaron nur zum Reden geschaffen worden, nämlich zum Vortrage der beiden Gesetze (tvrvt ytsb), des geschriebenen und mündlichen, oder zum Vortrage der vielfachen Verordnungen (hbrh tvrvtb) die Lev. 6, 1. 11. 37 angegeben sind. Oder ,yrvtb geht auf die beiden Gestalten    (,yrvt ynsb) d. i. auf die beiden Brüder Mose und Aaron, die gut zu einander passten (hbvu ]ravts hz li hz, eig. deren Form trefflich war, die eine zur andern) und der eine freute sich über die Größe des andern.
R. Pinchas sagte: Es steht Ex. 4, 6 geschrieben: „Er (Aaron) soll für dich zum Volke reden, er soll dein Mund und du sollst ihm zum Gott sein.“ Sollte denn Mose ein Abgott für Aaron sein, dass du sagst: Und du sollst ihm zum Gott sein? Nein, Gott sprach zu Mose: Mose, sowie du mich verehrst, so soll dein Bruder dich verehren. Allein Mose verhielt sich anders, wie es heißt das. V. 29 u. 30: „Und Mose und Aaron gingen und versammelten die Ältesten der Kinder Israels und Aaron redete alle diese Worte“ d. i. er stellte sich seinem Bruder gleich (eig. er reihte seine Schulter an die Schulter seines Bruders), weil der eine sich über die Größe des andern freute. Woher lässt sich aber beweisen, dass Aaron über Moses Größe sich gefreut hat? Weil es heißt das. V. 14: „Er geht dir entgegen und wird dich sehen und sich freuen in seinem Herzen.“
R. Simeon ben Jochai hat gelehrt: Das Herz, welches über die hohe Würde Moses, seines Bruders, so erfreut war, sollte dann auch mit den Urim und Thummim bekleidet werden s. Ex. 28, 29. 30. Dass aber auch Mose über die hervorragende Stellung Aarons sich gefreut hat, ist aus Ps. 132, 2 zu schließen, wo zwei Bärte erwähnt werden, welche doch Aaron, wie R. Acha bemerkt, nicht gehabt haben kann. Der Sinn der Stelle muss daher dieser sein: Als Mose das Salböl auf den Bart seines Bruders Aaron herabfließen sah, war es ihm, als wenn das Öl auf seinen Bart herabflösse und er freute sich. Darum also heißt es: „auf den Bart, den Bart Aarons.“
Dein Hals in Perlenschnüren. Unter ,yzvrx sind die 70 Mitglieder des Synedriums zu verstehen, welche wie einen Faden mit aufgezogenen Perlen (die Gesetzlehren) aneinander reihten. Oder unter „den Wangen in Ketten“ sind die Schrift- und Mischnakundigen und die gewissenhaften Schullehrer und unter „den Perlenschnüren“ die Kinder zu verstehen. Oder unter jenen sind die Rabbinen und unter diesen die Schüler zu verstehen, welche ihre Hälse aneinander reihen (d. i. Kopf an Kopf sitzen), um die Worte der Thora (von den Gelehrten) zu vernehmen, wie ein Mensch, der noch nie die Worte des Gesetzes vernommen hat.
Oder mit „den Wangen in Ketten“ werden die bezeichnet, welche die Halacha gegeneinander eifrig erörtern, wie z. B. Abba bar Mimi und seine Genossen und unter „dem Halse in Perlenschnüren“ ist die Unterrichtsweise zu verstehen, wenn sie die Worte der Thora aneinanderreihen und von den Worten der Thora auf die Propheten und von den Propheten auf die Hagiographen übergehen und das Feuer um sie herumflammt und die Worte eine solche Freude erregen, wie damals, als sie vom Berge Sinai aus dem Feuer gegeben wurden s. Deut. 4, 11.
Ben Asai saß und hielt Lehrvorträge, die Flammen um ihn her verbreiteten. Dieses wurde dem R. Akiba hinterbracht und er befragte deshalb den Ben Asai darüber, welcher den Vorgang nicht in Abrede stellte. Warst du vielleicht, fragte ihn R. Akiba, über die Geheimnisse der Merkaba     (hbkrm yrdxb des göttlichen Thronwagens) in den Gesichten Ezechiels beschäftigt? Nein, ich reihte die Worte des Pentateuchs aneinander, kam von da auf die Propheten und von den Propheten auf die Hagiographen, auf diese Weise erfreuten (leuchteten) die Worte so wie damals, als sie vom Sinai gegeben wurden, der doch bei der Gesetzgebung im Feuer stand s. Deut. 6, 11.
R. Abuhu hielt Vorträge von gleicher Wirkung. Vielleicht, sprach er, reihe ich nicht nur die Worte der Thora nach ihrer Ordnung aneinander, denn R. Levi hat gesagt: Mancher versteht (die Perlen) aneinander zu reihen, versteht aber nicht sie kunstfertig zu durchbohren, mancher wiederum versteht sie zu durchbohren, aber nicht sie aneinander zu reihen, ich hingegen war stets ebenso geschickt im Anreihen, wie im Durchbohren der Perlen (d. i. ich verstand die Gesetzlehren nicht nur zusammenzustellen, sondern auch für die Praxis gefügig zu machen
Oder die Worte: „Lieblich sind deine Wangen in den Ketten“ lassen sich auf die Zeit anwenden, wo die Worte der Thora mit ihren Verordnungen zum Vortrag kommen, wie z. B. die Halachot des Pessach am Pessach, die Halachot des Wochenfestes (Schawuoth) am Wochenfeste und die Halachot des Laubhüttenfestes am Laubhüttenfeste vergl. Esth. 2, 12.
„Dein Hals in Perlenschnüren.“ Nach R. Levi im Namen des R. Chama bar R. Chanina sind darunter die Abschnitte der Thora gemeint, welche trefflich aneinander gereiht sind, sich einander ergänzen und zueinander überspringen, sich ähneln und miteinander verwandt sind. R. Menachma führt als Beispiel Num. 26, 53 und 27, 1-7. 12 an, wo der Zusammenhang dieser ist: In dem ersten Kapitel wird die Verteilungsweise des Landes vorgeschrieben, gegen welche die Töchter Zelaphchads Vorstellungen machten, um auch für sich ihren Teil zu nehmen. Mose   hat  sich  der  Entscheidung   des  Falles   entzogen (weil er es nicht wusste, er brachte sie also vor Gott); da sagte Gott zu ihm: Mose! der  Entscheidung  ihres  Falles  kannst  du dich entziehen, mir kannst du dich nicht entziehen. „besteige den Berg Abarim“, besieh das Land, das ich den Israeliten geben will, „du sollst aber nicht hineinkommen“ s. das. 7, 12. 13. Herr der Welt! wenn du mich aus der Welt nehmen willst, entgegnete Mose, so mache mir die bekannt, welche du zu Verwesern der Israeliten bestellst! Du willst mir, fuhr Gott fort, wegen meiner Kinder, meines Händewerkes, Befehle erteilen? Erteile solche meinen Kindern! Hierauf folgt Cap. 28. Es verhält sich wie mit der Gemahlin eines Königs, welche im Begriffe war, aus der Welt zu scheiden. Mein Herr und König sprach sie zu ihm, ich will dir nun Verhaltungsmaßregeln gegen meine Kinder geben. Wie, erwiderte er, du willst mir Befehle wegen meiner Kinder erteilen, gib solche meinen Kindern (die sie gegen mich beobachten sollen). So sprach auch Mose vor Gott (in seiner Sterbestunde): Herr der Welt! du willst mich aus der Welt nehmen, mache mir die Verweser kund, die du über die Israeliten setzen willst.