KAP. 12. LECH LECHA - בראשית יב לך לך von Rabbi Samson Raphael Hirsch

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לך לך

Kap. 12. V. 1. Zu Abram aber sprach Gott: Gehe für dich allein von deinem Lande, deinem Geburtsorte und dem Hause deines Vaters, zu dem Lande hin, das ich dir zeigen werde. 2. Ich werde dich zu einem großen Volke machen, Ich werde dich segnen und Ich möchte deinen Namen groß werden lassen; werde du ein Segen! 3. Ich möchte segnen, die dich segnen und wer dir Fluch bringt, dem werde ich fluchen; und es werden durch dich alle Familien des Erdbodens gesegnet werden.

V. 2. ‏.ואעשך לגוי גדול‎ Auch ganz oberflächlich betrachtet, ergiebt es sich schont, daß Abraham alles Aufgegebene und zwar in bedeutend gesteigertem Maße durch Gott wieder erhalten sollte. Indem er sich ‏מארצו‎ losfagt, giebt er seine Nationalität auf; statt aber sich einer andern anzuschließen, spricht Gott: du selbst sollst Boden einer neuen Nationalität werden. Mit dem Aufgeben seiner Heimath, ‏,מולדתו‎ soll er den Quell des berechtigten Gedeihens nicht vermissen, ‏,ואברכך‎ vielmehr in Gott das Bürgerrecht zur Blüthe auf Erden gewinnen; und indem er seine Familie verläßt und damit Ehren und ererbtes Familien-Ansehen aufgiebt; ‏,אגדלה שמך‎ soll in ihm ein neuer Name zur Ruhmesgröße erwachsen.

Die Weisen in ‏ב“ר ל’ט‎ erinnern, es heiße nicht: ‏,אשימך לגוי גדול‎ daß Gott etwa nur Schutz- und Schirmherr der nationalen Entwickelung seiner Nachkommen sein werde, ähnlich dem das Wachsen und Blühen anderer Völker schirmenden göttlichen Walten, sondern: ‏,אעשך‎ ‎machen, schaffen werde ich dich zu einem grosßem Volke; alle äußeren natürlichen Umstände sollen dagegen sprechen und es soll augenfällig Gott hier als Schöpfer des Volkes als solchen erscheinen. Schon das Alter und die Kinderlosigkeit des zur Wurzel eines künftigen Volkes erwählten Paares widersprach nach allen natürlichen Voraussetzungen der verheißenen Zukunft. Nur Gott konnte den Abraham zu einem großen Volke machen.
So sollte von vorn herein schon das bloße Werden und Dasein dieses Volkes eine Offenbarung Gottes sein. Eine zahlreiche Nachkommenschaft macht aber noch kein Volk. Damit eine Masse ein ‏,גוי‎ eine Volkseinheit bilde, dazu bedarf sie eines gemeinsamen Bandes. Ueberall sonst ist dies das gemeinsame Land, das Zusammenwohnen unter denselben Einflüssen, das Getragenwerden von dem gemeinsamen Boden der Existenz. Abrahams Nachkommen aber sollen auch ein Volk, nicht aber durch gemeinsamen Boden, sondern wiederum nur durch Gott werden. Abraham’s Geist soll sich in seinen Nachkommen wiederholen und: was andern Völkern ihr Boden ist, das sollst du deinen Nachkommen sein. Mit der Abstammung von dir sollen sie auch das volkbildende Einigungselement erben. Dadurch, daß wir noch jetzt ‏,אלקי אברהם‎ Gott, wie ihn Abraham erkannt, wie er sich ihm offenbart und in der Leitung seines Geschicks gezeigt hat, ‏אלקינו‎ , unsern Gott nennen — und wir bedürfen dieser Bezeichnung, nicht zur partikularistischen Absonderung, sondern gerade zur reinhaltenden Unterscheidung des abrahamitischen und allgemeinsten Gottesbegriffes ‏,קונה שמים וארץ‎ von jeder partikularistischen Trübung — dadurch, durch dieses von Abraham überkommene gemeinsame geistige Erbe sind wir noch heute Ein Volk, nachdem wir schon längst das Band des gemeinsamen Bodens verloren. Und darin, daß nicht nur Abraham, sondern auch sein Sohn und Enkel solche Persönlichkeiten wurden, in welchen sich Gottes Waltung also manifestirte, daß auch sie mustergiltig für die ganze jüdische Nation blieben, und wir nicht nur ‏,אלקי אברהם‎ sondern auch ‏אלקי יצחק‎ und ‏אלקי יעקב‎ sprechen: darin erkennen die Weisen zunächst die dem Abraham gewordene Segnung und Größe. Und gerade in ‏אלקי יעקב‎ verwirklicht sich das ‏ואגדלה שמך‎ Jakob’s, in dessen Geschick es sich vor Allem mustergiltig zeigte, daß die jüdische Bestimmung unabhängig von äußerer Größe und äußerem Glanze sei. Je weniger ein Mensch hat, um so größer erscheint seine Persönlichkeit. Die Größe, der Segen, den ein Unbemittelter verbreitet, kann nur in seiner Persönlichkeit wurzeln. Wenn ein ‏יעקב‎ groß ist, wenn eine Nation glänzt, die seit Jahrhunderten nicht in Kriegesruhm u. s. w. excellirt, so kann dies eben nur in ihrer geistig sittlichen Persönlichkeit liegen, eben ‏יעקב‎ ‎ist ‏מגדל שמן‎ Bei näherer Betrachtung dürfte mit diesen ersten drei Sätzen Abraham die ganze Summe der jüdischen Geschichte in nuce in die Hand gegeben sein. In 1: ’‏לך לך מארצך וגו‎ erscheint Abraham blos als Individuum, »wage es, allein zu sein!« In 2: ’‏ יאעשך לגוי וגו‎tritt schon das Volk hervor, aber noch außer Berührung und Beziehung zu den andern Völkern. 3: ’‏ואברכה וגו‎ zeigt uns das jüdische Volk im Zusammenhang mit andern Völkern, der Segen Abraham’s ist schon bedingt durch den Segen Anderer, ja es können schon Andere wagen ihm zu fluchen. — Abraham’s Aufgabe war sich zu isoliren, Wandel allein mit Gott. Zweites Stadium: die Schöpfung eines Volkes aus diesem Abraham. Wenn es hervortreten soll, daß dieses Volkes Dasein eine zweite Schöpfung Gottes in der Geschichte sei, so kann dieses Volk nur auf dem Wege der Heimathlosigkeit, des ‏גלות‎ und ‏גרות‎ zu einem Volke werden. Seßhast wäre es kein ’אצבע ‏אלקי kein ’‏מעשה ד‎ gewesen.
‏יואעשך לגוי גדול‎: von ‏יצחק‎ bis יציאת מצרם.
ואברכך, dann werde ich dich einpflanzen in ein ואגדלה שמך ;ארץ זבת חלב ודבש, nicht ‏.אגדל שמך Gott kann Menschen und Völker segnen, aber daß sie zu einer solchen sittlichen Größe gelangen, um ein mustergiltiger Mensch, ein mustergiltiges Volk genannt zu werden, das kann Gott nur wünschen, das ist durch die Treue bedingt, die dem göttlichen Gesetze gezollt wird. Ebenso heißt es nicht: והיית ברכה‎ oder: ‏,ותהיה ברכה‎ sondern: ‏והיה ברכה »werde ein Segen«, in diesen zwei Worten die ganze sittliche Aufgabe zusammenfassend, deren Lösung eben die Erfüllung jenes Wunsches bedingt: »ich möchte deinen Namen groß werden lassen, werde du ein Segen!« Ich möchte dich zu einem Volke machen, auf welches die Völker nur hinzublicken hätten, um sich ihrer Aufgabe bewusst zu werden, und diese Aufgabe, die du im Gegensatz zu allen sonstigen Völkerbestrebungen zu lösen haben sollst , heißt: Segen werden!
Alle Andern streben danach, nicht ‏,להיות ברכה‎ sondern ‏ברוכים‎ להיות, Segen zu gewinnen, gesegnet zu werden, und vor Allem Völker. Die Redlichkeit, Menschlichkeit und Liebe, die man von dem Einzelnen noch fordert, wird im Verhältniss von Volk zu Volk zur Thorheit, gilt der Diplomatie und Politik für Nichts. Trug und Mord, die den Einzelnen zum Kerker und Henker führen, werden »zum Besten der Staaten«, von Staat gegen Staat im Großen geübt, mit Orden und Lorbeer bekränzt. Die abrahamitische Nation hat von allen diesen Nationalinstitutionen nichts, sie weiß nichts von einer Nationalpolitik und einer National-Oekonomie. Derjenige, der der Träger ihrer Nationalwohlfahrt sein wollte, braucht keine Subsidien zu geben, und auf keine Coalitionen und Bündnisse zu rechnen. Zu seinem Gebote stehen der Regen und der Sonnenschein, die Kraft und das Leben, die Macht und der Sieg —- ‏,אם בחקתי תלכו‎ dann macht sich alles Andere von selbst. In Mitte der Menschheit, die ‏נעשה לנו שם‎ ihrem ganzen Streben als Devise ausprägt — und die Selbstvergrößerung und den rücksichtslosen Ausbau der eigenen Wohlfahrt als maßgebendes Ziel anstrebt, soll Abraham’s Volk im Einzeln- und Gesammtleben nur dem Einen Rufe folgen: ‏,ה’ה ברכה‎ Segen zu werden, sich mit aller Hingebung den Gotteszwecken des Welten- und Menschenheils zu weihen, darin mustergiltig die Wiedererstehung des reinen Menschthums, desi ‏אדם‎ in seiner ursprünglichen Bestimmung, zur Anschauung zu bringen, dann werde Gott seinen Segen zu frischer Lebensthätigkeit geben und zur Weckung und Erziehung der Völker zu gleichem Streben den Namen des Abraham-Volkes weithin leuchten lassen: ‏ואברכך ואגרלה שמך‎. Dieses zweite Stadium sollte in ‏ארץ ישראל‎ zur Verwirklichung kommen, dort sollte Israel in seiner unnahbaren Isolirung von den Völkern, nicht nur das Gesegnete, sondern in erster Linie das Segen verbreitende, ein Segens-Quell geworden sein — ‏וישכן ישראל בטח‎ ‏בדד עין יעקב‎ – dann hätte Alles, was jetzt uns erst ‏באחרית הימים‎ winkt, sich bereits seit Jahrtausenden erfüllt, und der ganze Entwickelungsgang der Menschengeschichte wäre seitdem ein anderer gewesen. —
Allein diese erste Verheißung an Abraham scheint auf ein drittes Stadium hinzuweisen ‏-‎ schon, wie bereits bemerkt, stellt das optative ‏ואגדלה‎ die Verwirklichung jenes zweiten Studiums nur als bedingten Wunsch hin — der dritte Satz scheint einen Zustand anzudeuten, in welchem das Abrahamsvolk mit seinem Segen und Fluch von Menschen abhängig erscheint, wo Menschen es segnen, Menschen ihm fluchen können; es wäre dies somit das Stadium des ‏,גלות‎ dem dieses Volk entgegengeht, wenn es seine Aufgabe vergisst und, statt ‏,להיוח ברכה‎ den Völkern gleich sich dem Streben hingiebt ‏;להיות ברוכים‎ und hier, für dieses Galuth, wo es, hinausgestreut unter die Völker, abhängig von ihnen und ihrem Segen und Fluch preisgegeben erscheint, hat Gott das große Wort gesprochen: ‏,ואברכה מברכך‎ die dich segnen, die dich fördern, die dein Prinzip würdigen und anerkennen und sich deiner Sittlichkeit und Gottesverehrung fördernd unterordnen, die werde ich segnen — und auch hier wieder tritt diese Verheißung optativ auf, Israel möge sich in der Zerstreuung also bewähren, daß seine Förderung die Förderung des Völkerheils bedeute. —
ומקללך אאור, nicht אוררך אאור, sondern מקללך. Der ברכה stehen zwei Begriffe gegenüber:‏ ‎קללה und קלל .מארה, wovon קל (leicht) und קללה, also materielle Verringerung, leicht machen, einer Sache oder einer Person die materiellen Mittel, die Fülle schmälern. ארר verwandt mit חרר, ausdorren, ausglühen, und ערר, rad. von ערירי kinderlos und ערער vereinsamt, also ארר: nicht bloß Schmälerung der materiellen Mittel, sondern auch der innern Kräfte und Säfte. Was קלל extensiv ist, ist ארר intensiv: Jemandem die innere Lebensfähigkeit rauben, Saft und Kraft entziehen, ihn zum ‏ ערער und ערירי machen. Dagegen ברכה: segnen, zur innern und äußern Entwickelung Kräfte geben. So ist bei דגימ in äußerer Beziehung, bei שבת die innere, geistige Entwicklung durch ברך ausgedrückt. – Also: auch in’s Leben unter den Völkern begleite ich dich hinaus; je nachdem‏ ‎die Nationen dem jüdischen Geiste huldigen werden, je nachdem werde ich sie segnen. Wer‏ ‎aber — nicht dir die innere Lebensfähigkeit nimmt, denn das vermag kein Volk — wer‏ ‎aber den Abrabamiden die Existenz beschränkt und verkümmert, sie nicht die Mittel zu ihrer‏ Entfaltung finden läßt, dem — nicht אקלל – ‎sondern dem nehme ich die innere Lebens‎fähigkeit der eigenen Fortentwickelung.
‎Indem es also heißt, daß nur diejenigen Völker zum Segen gelangen, die die Entwickelung deines Prinzips nicht nur nicht verkümmern, sondern ihm huldigend fördern, so ist von selbst damit gesagt, daß durch dich ‏משפחות האדמה‎ gesegnet werden; je mehr sie dir huldigen, desto mehr ‏ברכה‎ empfangen sie; Gott versichert aber, daß zuletzt ‏ ,כל משפחות האדמה‎alle Völkerfamilien dieses Segens theilhaftig werden, indem sie alle ‎ihr Leben auf demselben Wege begründen werden, der den Boden deines Lebens bilden‏ ‎soll. — So scheint es. —
קלל ‎ist verwandt mit גלל und ילל.
גלל : rollen, Kreis, Rad. Dasjenige kann am‏ ‎leichtesten gerollt werden, das am wenigsten Seiten hat, die ihm einen Stütz- und Ruhe‎punkt gewähren, am meisten also das, was gar keine der Unterlage parallele Flächen‏ ‎bietet, die vollendete Kugel. Dies geistig übertragen bezeichnet einen Schicksalszustand,‏ ‎wo die äußern Verhältnisse gar keine Unterlage, keinen Stütz- und Ruhepunkt gewähren,‏ ‎wo sich der Mensch völlig halt- und ruhelos findet, von allen äußern Verhältnissen zurückgestoßen, geistig נע ונד.
Sein Ausdruck wird יללה: ‎die wehevollste Klage. Was ‎nun nicht nur durch die äußere Form, sondern durch innern Mangel an Stoff und Wesen‎heit, keinen Ruhepunkt findet, ruhelos fortbewegt wird, leicht ist, heißt: קל, ‎das‏ Leichte. Andrerseits wird dasjenige, was keines Zusammenhanges mit allem außerhalb‏ ‎mehr bedarf, weil es bereits sämmtliches zu ihm Gehörige in sich trägt, das in sich Geschlossene, der Kreis und das Ganze, Vollendete, durch כלל ausgedrückt. ‏ כלכל ‎heißt in Jemandes Kreis Alles, dessen er bedarf, hineintragen: versorgen; geistig ‏ומי יכלכל‎
‏,את יום באו Alles in den Begriff eines Wesens hineintragen, was in ihn gehört ‎gänzlich ermessen.

4. Da ging Abram wie es Gott ihm ausgesprochen hatte, und mit ihm ging Lot. Abram aber war 75 Jahre alt als er aus Charan ging. 5. Abram nahm seine Frau Sarai und seines Bruders Sohn Lot, alle ihre Habe, die sie erworben, und die Seelen, die sie in Charan gebildet hatten; sie zogen fort um dem Lande Kenaan zu zu gehen, und sie kamen nach dem Lande Kenaan. 6. Abram zog vorüber im Lande bis zum Orte Schechem, bis zum Haine Moreh, — und der Kenaanite war schon damals im Lande. 7. Da ward Gott dem Abranm sichtbar und sprach: Deinem Samen gebe ich dieses Land. Da baute er dort Gott einen Altar, der ihm sichtbar geworden.8. Er ließ von dort aufbrechen zum Gebirge hin, Bethel zu Osten, und spannte dort sein Zelt; er hatte Bethel in Westen und Ai in Osten; er baute dort Gott einen Altar und rief im Namen Gottes. 9. Abram brach auf und zog immer mehr gen Süden. 10. Es kam Hungersnoths in’s Land, und Abram ging nach Mizrajim hinab, sich dort aufzuhalten, denn die Hungersnoth war schwer im Lande. 11. Da war es, als er nahe daran war nach Mizrajim zu kommen, sprach er zu seiner Frau Sarai: Siehe, ich weiß es ja doch, daß du ein schönes Weib bist, 12. da wird es nun sein, wenn dich die Mizrer sehen, werden sie sagen: es ist seine Frau; und werden mich tödten, und dich werden sie am Leben erhalten. 13. Sage doch, du seiest meine Schwester, damit mir, um dich zu erreichen, Gutes werde, und so werde ich auch durch dich leben bleiben. 14. Es war, wie Abram nach Mizrajim kam, sahen die Mizrer die Frau, daß sie sehr schön war. 15. Es sahen sie auch die Fürsten Pharao’s und rühmten sie gegen Pharao.
Da wurde die Frau in Pharao’s Haus genommen. 16. Und Abram hatte er schon Wohlwollen um ihretwillen erwiesen, es waren ihm Schaf und Rind und Esel, Sklaven und Mägde, Eselinnen und Kameele geworden, 17. da traf Gott Pharao mit großen Plagen und sein Haus wegen Sarai’s, Abram’s Frau. 18. Da ließ Pharao Abram rufen und sagte: Was hast du mir gethan!
Warum hast du mir nicht gesagt, daß sie deine Frau sei? 19. Warum hast du noch gesagt: sie ist meine Schwester, selbst als ich sie mir zur Frau nahm? Und nun! Hier ist deine Frau, nimm sie und gehe! 20. Pharao bestellte Leute über ihn, die ihn, seine Frau und alles Seinige entließen.