KAP. 11. NOACH - בראשית יא נח von Rabbi Samson Raphael Hirsch

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Kap. 11. V. 1. Es war die ganze Erde eine Sprache und einheitliche Worte. 2. Da war es, als sie von Osten fortzogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinear und dort ließen sie sich nieder. 3. Da sprachen sie Einer zu dem Andern: Gieb her, wir wollen Ziegel schaffen, und was immer zum Brande verbrennen; da ward ihnen der Ziegel zum Steine und der Mörtel zum Thon. 4. Da sprachen sie: Gieb her, wir wollen uns eine Stadt bauen und einen Thurm, und dessen Spitze soll in den Himmel reichen, so wollen wir uns einen Namen machen! Wir könnten sonst über die Fläche der ganzen Erde zerstreut werden! 5. Da stieg Gott hernieder, die Stadt und den Thurm zu sehen, welche die Menschensöhne bauten. 6. Und Gott sprach: siehe, da sind sie nun ein Volk und eine Sprache haben sie Alle, und da ist es dies, was sie zuerst zu unternehmen beginnen — und nun wird ihnen nicht unerreichbar bleiben Alles, was sie bereits maßlos auszuführen sich vorgesetzt. 7. Wohlan, steigen wir hinab, so wird dort ihre Sprache welk werden, so daß Einer nicht mehr die Sprache des Andern verstehe.

V. 7. ’‎‏ונבלה וגו Gewöhnlich übersetzt: wir wollen verwirren, von ‏בלל‎ Allein es giebt keine Aktiv-Form von ‏,בלל‎ die dieser Wortbildung entspräche. Es müsste entweder ‏קל ,ונבלה‎ oder ‏הפעיל ,ונבלה‎ heißen. Das Wort ist offenbar von ‏,נבל‎ welk werden, und es heißt: wir wollen hinabsteigen, so wird sofort ihre Sprache welk werden, oder welk geworden sein. Es bedarf nicht noch einer besondern Thätigkeit. Das ‏נבלה‎ der Sprache ist unmittelbar Folge von ‏.ירידה‎ Am Schlusse heißt es allerdings כי שם בלל ה‘ וגו‎ und wird also der Vorgang offenbar mit dem Worte ‏בלל‎ bezeichnet,und aus dieser Bezeichnung hat man diesen Vorgang die »Sprachverwirrung« genannt. Dieser Begriff entspräche schon an sich demjenigen nicht, was man sich gewöhnlich unter diesem Vorgange vorstellt.
Es wäre doch eine Trennung der Sprachen, keine Verwirrung gewesen. Verwirrung setzte bereits verschiedene Sprachen vorhanden voraus, die jetzt durcheinander getrieben worden wären. ‏בלל‎ heißt überdies nie verwirren, sondern mischen, und zwar: einen bis jetzt fremden Stoff in einen andern hineinbringen und beide so vollkommen mischen, daß in jedem Theilchen des Alten Etwas von dem Neuen sich befinde, ‏יש בילה ,סולת בלולה בשמן‎ oder ‏.אין בילה‎ Es ist also hier gar keine Spur von Verwirren. — Verwandt ist ‏בלל‎ mit ‏בלל .פלל‎ ist das conkrete Mischen eines Stoffes in den andern; und zwar mehr als ‏,ערב‎ wo die Theile noch nicht zu einer Einheit werden. Und wie nun aus ‏,ערב‎ social, der Bürge, der Dritte wird, der zwischen Zwei, Auseinanderstehende, in die Mitte tritt und sie durch seine Vermittelung vereinigt, so wird aus ‏,פלל‎ ‎dem verstärkten ‏,בלל‎ noch inniger: der Richter. Der Richter bringt ein außerhalb der Partheien stehendes Moment in ihr streitiges Verhältniß, lässt dieses Moment alle Beziehungen dieses Verhältnisses durchdringen und löst damit den Streit, vereinigt das Auseinander- und Gegeneinanderstehende. Nach gewöhnlicher Ansicht liegen sich die Partheien »in den Haaren«, der Richter »entscheidet«, trennt sie, das Recht ist etwas Scheidendes Nach jüdischem Begriff scheidet das Unrecht, das Recht verbindet. Ebenso ‏.ויעמוד פנחס ויפלל‎ So auch: ‏התפלל‎ , sich mit allem dem Göttlichen ganz durchdringen, das das Menschliche in allen seinen Fugen gestalten und bilden soll. Der Jude wird im Gebete sein eigener Richter.
Ist dies die Bedeutung von ‏,בלל‎ so muß auch hier in die Sprachbildung etwas hineingekommen sein, was bisher nicht auf sie influirt hatte, und dies fremde Element machte schon ohne Weiteres, daß die Menschen einander nicht mehr verstanden. Die Wirkung des Eintritts dieses bis dahin der Sprachbildung fremden Elementes wird hier zunächst ‏נבל‎ genannt. Wie ‏בלל‎ der Anfang von ‏פלל‎ ist, so ‏נבל‎ der Anfang von ‏.נפל‎ ‎Was später den Fall bewirkt, bewirkt im ersten Stadium das Welken. Die Blume wird welk, sobald sie anfängt von dem Quell ihres Gedeihens getrennt zu werden. Sobald die die Verbindung zwischen dem Born des Lebens und der Blüthe bildenden Canäle sich zusammenziehen, wird sie welk, und wenn die Verbindung ganz aufgehoben ist, so fällt sie ab. Also hier: so wie Gott hinabsteigt, sollen die Sprachen losgelöst werden von dem Quell, von welchem sie bisher ihre Gestaltung erhalten.
Welche Elemente gestalten eine Sprache? Es giebt deren zwei; es giebt eine objektive und eine subjektive Sprachbildung, kann sie wenigstens geben. Wir können uns denken, daß eine Sprache; also die Bezeichnung der Dinge und ihrer Beziehungen nach Dem gebildet werde, was die Dinge an sich und in ihren Beziehungen zur Welt sind, also objektiv, oder subjektiv: nach den besondern Anschauungen, die ein Volk von den Dingen und ihren Beziehungen hat. So lange es nur noch Eine Sprache gab, war die Sprache objektiv, sie war Nichts als eine Bezeichnung Dessen, was die Dinge sind und sein sollen. Bei dem großen jetzt herrschenden Sprachreichthum werden wir doch in verschiedenen Sprachen nur selten Worte finden, die von derselben Anschauung der Sache aus gebildet sind z. B. der eben betrachtete Richter, deutsch: der den Dingen die Richtung giebt, wonach sie sich richten sollen, er entscheidet, bringt anseinander. Der Jude nennt den Richter den Vereiniger; ihm ist Gericht ‏:משפט‎ das Schaffen der harmonischen Ordnung (שפת ,שפד ,שפט)‎ die Jeden in die ihm gebührende Stellung im Zusammenhang mit dem Andern einsetzt.—Deutsch ist vielleicht das »Schlichte«, das Einfache, nicht Verschlagene, nicht Krumme »schlecht«, demgemäß müsste bei einem solchen Volke Jeder, der nicht schlecht sein will, nicht »schlicht« sein dürfen, und List wäre das Excellirende; jüdisch wäre dem gegenüber ‏ישר‎ das Erstrebenswertheste. — Oder z. B. Tugend, Religion. — Kein heutiges Buch, keine heutige Predigt ohne »Tugend« und »Religion«. Deutsch wäre Tugend, also das anzustrebende, höchste Sittliche, von »taugen«, ein Nützlichkeitsbegriff; in den romantischen Sprachen: »Männlichkeit«. Ein »tüchtiger Mann«, ein »nützliches Mitglied« der menschlichen Gesellschaft zu werden, stellte die allgemeine Phrase als Ziel unserer Jugend auf; in den romanischen Sprachen: die Männlichkeit und Tapferkeit. Wir im Hebräischen haben gar kein Wort dafür, unser Höchstes ist ‏,מצוה‎ wir haben nur einzelne Tugenden, ‏,משפט‎ ‏חסד‎ u. s. w. — Ebenso Religion. Die europäische Sprachwelt scheint nicht bestehen zu können ohne »Religion«; wir, das Religionsvolk par excellence, haben gar keinen Begriff dafür. Sobald Etwas ein besonderes Verhältniss in unserm Leben bezeichnen soll, grenzt es eben diese Seite von allen Uebrigen ab; es giebt dann auch Seiten, die nicht dazu gehören; es hat ein abgegrenztes Gebiet. In einem Kreise daher, wo Alles zur Religion gehört, von der Geburt bis über den Tod hinaus, da tritt dieser Begriff gar nicht vor die Seele, indem er eben Alles durchdringt und Nichts ausschließt Religion,wenn von religare »binden«, leugnete sogar die jüdische Anschauung, die Beziehung zu Gott macht uns frei, ‏חרות‎ ‏הלוחוח‎ על – Oder der Begriff des »Seins«. Es giebt Völker, wo der Begriff des Essens – und Seins zusammenfällt , wo der nur ist, der ißt; einem andern Volke ist Sein nur ein höherer Ausdruck des »Denkens«, sowie »leben« ein höherer Ausdruek des »Seins« ( הגה ,היה ,חיה ). Diese beiden Völker würden sicherlich die Dinge mit ganz verschiedenen Augen betrachten, was dem Einen gut, wäre vielleicht dem Andern schlecht, worin der Eine eine Bedingung des Daseins erblickte, wäre dem Andern vielleicht eine Verflüchtigung desselben. – Oder im socialen Leben. Die eine Sprache hat den Begriff »Volk«, kann sich somit den Begriff Volk gar nicht anders denken als unter der Voraussetzung Eines, dem es zu folgen habe, hier wäre somit Volk ein erniedrigender Begriff der Unselbstständigkeit; eine andere Sprache, wie z. B. die romanischen, erblickte im Volke nur die Alles verzehrende Masse, »populus«; eine dritte, wie die Hebräische, kennt das Volk nur als ‏,עם‎ Vereinigung aller Gleichen, und nach Aussen als ‏,גוי‎ eine geschlossene Einheit. — Die Eine erblickt im Herrn nur den Ueberragenden, Herrschenden; die Andere in ihm gerade אדן) אדון);‎ die Alles tragende und stützende Basis, ( ‏אלופינו מסובלים‎ unsere Führer sind die am Meisten Belasteten) u. s. w. Sprächen diese Völker auch eine und dieselbe Sprache, sie würden mit demselben Worte das Entgegengesetzteste bezeichnen. — Wir wollten mit allen diesen, leicht zu vervielfältigenden Beispielen nur klar machen, daß ‏אחת‎ שפה, eine phonetisch und organisch ganz gleiche Sprache, bestehen könne und man dennoch durch eine veränderte Anschauung sich gegenseitig nicht mehr zu verstehen brauche, daß somit, auch ohne organisch verändernde äußere Einflüsse, schon von innen heraus, durch eine Veränderung in dem sprachbildenden Geist, Sprachspaltungen entstehen können, kurz, daß ‏שפה אחת‎ und doch nicht mehr nothwendig ‏דברים אחרים‎ sein dürften. Bis dahin, wurde uns gesagt, war ‏שפה אחת‎ und ‏,דברים אחדים‎ es war nicht nur eine physische und klimatische Gleichheit, eine allgemeine organische Uebereinstimmung der Sprache, sondern die Einheit des Geistes, der Richtung und der Anschauung bewährten auch ‏דברים אחדים‎: die einheitliche Prägung des Gedankenausdrucks. Eine solche geistige Einheit konnte nur so lange bleiben, als das Wort, das gesprochen wurde, nicht von dem Einzelnen gebildet, sondern ihm überliefert war. So lange man über die Dinge in Uebereinstimmung, und diese Uebereinstimmung durch eine höhere Sanktion gegeben, so lange, mit einem Worte, die Sprache eine objektive und nicht eine subjektive war, so lange hatte die Sprache die sich stets gleich bleibende Eigenthümlichkeit und Bestimmung der Dinge und nicht die Anschauung des Einzelnen zum Grunde. Eine solche objektiv gegebene Sprache würde vielmehr die Uebereinstimmung in der Welt- und Lebensanschauung schaffen und erhalten, in sie wäre alle Weisheit niedergelegt Rechts- und Sittenlehre, Physik und Metaphysik haben nichts zum Gegenstande, als: was sind die Dinge, und was sollen sie sein, und alles dies wäre in der Sprache niedergelegt. Die Trübung einer solchen Sprache würde keine geringe Umwälzung erzeugen. Denken wir uns. z. B. aus unserer Sprache das Wort »haben« hinweg. Die hebräische Sprache hat z. B. den Ausdruck nicht. »Haben« enthält den Begriff des Körperlichen, haften, habere, avere sich nach Etwas sehnen, und wenn man es gepackt hat, so »hat« man es. Denken, wir uns, dieser ganze Begriff habe gefehlt, es habe der Mensch nur Das als das Seinige zu betrachten gehabt, was ihm, wie im Hebräischen, zuständig, ‏,לו‎ war. Denken wir uns, daß demgemäß in dieser Sprache der Begriff des Mein und Dein gar nicht in unserer abgrenzenden Einheitlichkeit vorhanden gewesen, sondern stets nur in der Zusammenhörigkeit des Dinges zu der Persönlichkeit gedacht werden konnte, so würde der Erste, der den Begriff des »Haben« hereingebracht, die größte Revolution hervorgerufen haben; er hätte den Rechtsbegriff in einen Faustbegriff umwandelt. — Oder in dem engern Kreis des Familienlebens, worauf die Weisen einen so bedeutenden Nachdruck legen, und als Adam sein Weib Ischah nannte, dabei bemerken, ‏מכאן שנברא העולם בלשון הקודש‎ . In diesem Worte ‏איש‎ und ‏אשה‎ lag die Bürgschaft für die Ebenbürtigkeit und die sich gegenseitig ergänzende Bestimmung des Mannes und des Weibes. So lange Mann und Weib ‏איש‎ und ‏אשה‎ waren, brauchte weder der Mann von dem Weibe, noch das Weib von dem Manne emancipirt zu werden, konnte Keiner weder des Andern Sclave, noch Gott oder Göttin werden. Der Erste, der diese Bezeichnungen änderte, wie denn wohl nach der Bemerkung unserer Weisen, keine andere Sprache Mann und Weib mit derselben Sprachwurzel, also mit derselben Gedankenanschauung vergegenwärtigt, hat es dahin gebracht, daß bald der Eine sein Weib vor den Pflug spannt, bald der Andere sich ihr zu Füßen wirft. — Ebenso, so lange Vater und Mutter ‏אם‎ und ‏אב‎ heißen, dem Kinde als solche vorschweben, und Bruder und Schwester ‏אחות‎ und ‏אח‎ an einen Faden gereiht und mit einander verbunden waren, da brauchte man eigentlich nur die Namen der Dinge zu kennen, und hatte mit ihnen sofort alle sociale Weisheit und Philosophie, während man z. B. bei »Vater« und »Mutter« gar nichts denken kann.
War diese ‏שפה אחת‎ die Sprache, in der Gott den ersten Menschen die Dinge und ihre Beziehungen anschauen und denken lehrte, war sie somit auch das Wort, womit Gott dem Menschen gegenüber die Dinge nannte, die also diejenige Anschauung der Dinge enthielt, welche nach Gottes Willen die Weisheit der Menschen begründen sollte, so dürfte es gar nicht unmöglich sein, daß vielleicht ‚‏.קרא בשם ד nichts Anderes wäre, als die Menschen belehren über das, was die Dinge sind und sein sollen, nicht nach der subjektiven Anschauung und der Willkür des Menschen, sondern nach der Anschauung und dem Willen Gottes für den Menschen; denn nur wenn wir die Dinge bei dem rechten Namen nennen, ist auch die Wahrheit für uns eine nicht getrübte.
Das Element, das nun in diese einheitlich geprägte Sprache eintreten konnte, um sie plötzlich von ihrem alten Quell abzulösen, konnte nichts Anderes sein, als das sich opponirend erwachende Bewußtsein des Einzelnen, das der Objektivität der bis dahin mit der Sprache gegebenen Anschauung der Dinge gegenüber, die subjektive Willkür geltend machte Der Versuch der Gesammtheit, durch diesen Bau die Individualität jedes Einzelnen zur Null zu machen, die nur Bedeutung gewönne, wenn das Eines der Gesammtheit davor stehe, wurde gebrochen durch das erwachende Bewußtsein des selbstständigen Werthes des Einzelnen. Es empörte sich das menschliche Selbstgefühl, Etwas von dem Gefühle dämmerte auf, das in jedem Menschen, im Nimrod wie im Sclaven den zur gleichen Willensfreiheit Berufenen ahnen läßt. Es erwachte der Eigensinn, die Subjektivität, der Egoismus, der sich keiner fremden Anschauung und wäre es selbst die göttlich überlieferte mehr unterwerfen mochte —- Ausschreitungen, die aber in Gottes Hand Mittel der Menschenrettung werden.
Wenn die Vereinigung der Gesammtheit ihre Macht so mißbraucht, daß sie den ihr anvertrauten Schatz, die Einzelnen, die sie berufen ist ‚‏,לקרא בשם ד nur ihrem Namen, ihrer Herrschaft dienstbar machen will, so steht der Einzelne auf und spricht: ich kenne keine Gesammtheit, ich kenne überhaupt nur mich, schüttet damit allerdings das Kind mit dem Bade aus, reißt sich allerdings damit von der Wurzel los, die ihm alle menschliche Weisheit aus dem göttlichen Ursprung derselben tradiren sollte, und wirft sich einer Subjektivität in die Arme, die ihn pfadlos dem Ungefähr zutreibt; allein diese Decentralisirung ist dann doch die einzige Rettung des Menschlichen im Menschen. Diese Subjektivität, dieses Selbstgefühl, das die Dinge nennt, nicht wie es die zwingende Gesammtheit will, sondern, wie sie ihm erscheinen, dies wäre das neue Element gewesen,’‏,אשר בלל ד das Gott in der Anschauung, somit in der Sprache der Menschen zersetzend wach werden ließ.
Der Eine sagte: wir bleiben bei dem alten Rechte, nur das Jedem Zuständige gehört ihm, der Andere sprach: ich kenne kein Recht, was ich fasse, was ich habe, ist mein u. s. w., u. s. w. Dieses Werken der Subjektivität wäre die Wirkung der ‏ירידה‎ und damit das ‏נבלה‎ schon vollendet gewesen. —- Da schon früher steht ’‏וירד ד‎ und nun noch einmal ‏נרדה‎ ‎nnd zwar ‏נרדה‎ als Wunsch, so scheint damit das noch tiefere Hineintreten in das Bewußtsein des Menschen und das Wachwerden des Gedankens gezeichnet zu sein, daß doch über diesem Nimrod es noch einen Höheren gebe. ‏נרדה‎ »ich möchte doch niedersteigen«.
Es liegt darin, daß ‏,עיקר שכינה בתחתונים‎ daß Gottes Absicht und Ziel ist, sich die Menschen auf Erden nicht entreißen zu lassen, seine Gegenwart einst wieder in ihrer Mitte zu nehmen, und auch nur die leiseste Bethätigung dieses Zieles bewirkte das ‏נבלה‎ der Sprache; es nannte fortan der Trotz, der Eigensinn, die Laune u. s. w., ja die Leidenschaft die Dinge, freilich nicht mehr in der Einen Weise, wie Gott sie nannte, und so kam es denn, daß Einer den Andern nicht mehr verstand. Einer nannte dem Andern zum Trotz die Dinge anders; denn in der eigenwilligen Anschauung der Dinge, gleichbedeutend mit dem eigenwilligen Nennen der Dinge, zeigt sich die Selbstständigkeit; fängt ja auch später im Laufe der Geschichte jede Centralisation damit an, die Eigenthümlichkeit der Sprache zu rauben.
Es war also die Zwietracht nicht aus einer Vielheit der Sprache entstanden, sondern umgekehrt, die Zwietracht erzeugte erst die Zerklüftung der Sprache, so daß im Anfange die ‏שפה אחת‎ noch geblieben sein konnte und doch: ‏ונבלה שם‎ ohne klimatische Veränderung, schon vor der Zerstreuung, waren in der ‏שפח אחת‎ die ‏דברים אחדים‎ nicht mehr; dieser Zwiespalt der Anschauungen trieb nachher die Menschen völlig auseinander, wo dann die klimatische Verschiedenheit ihren völlig auch organisch zerklüftenden Einfluß geltend machte.

8. Da zerstreute sie Gott von dort über die Fläche der ganzen Erde hin und sie unterließen es die Stadt zu bauen.

V. ‏חדל .8‎ verwandt mit ‏חתל: Wickelband anlegen, חתול‎: das Schienen, der die Bewegung hindernde Knochenverband (Jechesk. 30, 21.). Grundbedeutung also: Bewegung hemmen, einhalten, so auch ‏חדל‎ zunächst: das Unterlassen einer Thätigkeit. Sie Hörten also auf, die Stadt zu bauen; aber den Zug, die Richtung, aus welcher der Thurmbau entsprungen war, den nahmen die Menschen überall mit hin. Freilich nicht mehr Eine Stadt und Einen Thurm für die Knechtung der ganzen Menschheit, aber einzelne Städte und Thürmchen , von denen kleine Nimrode meinen, daß sie in den Himmel reichen. Mit dieser individualisirenden Zerstreuung der Völker, auf welche ja der noachidische Gottesbund mit der Menschenwelt, wie wir geglaubt (s. zu 9, 15; 10, 5.), gerechnet, schließt die Einleitung des Gotteswortes, mit welcher es den jüdischen Denker in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit orientieren will. Fortan wird die Geschichte eines einzigen Volkes, des jüdischen, eingeleitet, dessen eigenthümliche Sendung eben in dieser Gestaltung der Völkergeschichte und deren Ziel ihre Begründung findet.
Die Geschichte der Gesammtmenschheit wird ihrem Gang überlassen bis zu den Propheten, denen wieder der Blick auf jene Zeit geöffnet ward, in welcher der sich immer wiederholende Zusammensturz aller großen und kleinen Ruhmesbauten der Menschen diesen endlich das Bewußtsein bringen wird, daß es nur Einen »Namen« giebt, dessen Verherrlichung die Menschen, der Einzelne wie die Gesammtheit, mit jeder Einzel- und Gesammtkraft, in jeder Fuge des Einzel- und Gesammtlebens zur Anschauung bringen müssen, wenn das Heil und der Friede für den Einzelnen wie für die Gesammtheit dauernd auf Erden einziehen soll, —‎ eine Zeit, deren Erscheinung der Prophet (Zephania 3, 9.) mit den Worten charakterisirt: ‏:כי אז אהפוך אל עמים שפה ברורה לקרא כלם בשם ה’ לעבדו שכם אחר‎ denn dann stelle ich den Völkern wieder her eine geläuterte Sprache (vgl: ‏ויהפך לו אלקי ‎ ‏,לב אחר‎ Samuel I., 10, 9.), sie Alle im Namen Gottes zu berufen, ihm mit Einer Schulter d. i. mit vereinter Tragkraft, zu dienen! Irren wir nicht, so liegt hierin eine nicht geringe Bestätigung unserer Ansicht. ‏ברר‎ ist der gerade Gegensatz von ‏,בלל‎ es ist das Ausscheiden eines hineingerathenen fremdartigen Elementes. So beginnt die Völkergeschichte mit einer Trübung der Sprache und endet mit einer Läuterung derselben.
Nur so auch ist es erklärlich, wie diese Läuterung der Sprache in Beziehung stehe zu dem ‚לקרא כלם בשם ד, indem dann die Menschen nicht mehr die Dinge und deren Beziehungen nach Dem nennen werden, was sie ‏,לעשות להם שם בשמם‎ was sie nach ihrer Laune, Leidenschaft, für die Zwecke ihrer Willkür und Verherrlichung seien und sollen, sondern mit der sich uterordnenden Huldigung des Einen Einzigen auch wieder die Objektivität, d. i. die durch den Willen dieses Einzigen gegebene Welt- und Lebensanschauung gewinnen, die Dinge von dem Standpunkte ihrer göttlichen Bestimmung aus zu denken, zu nennen, und mit dieser Unterordnung unter Gott die geistige und sociale Einheit wieder erreichen, die mit dem ersten Thurmbau des Menschenruhmes verloren gegangen.
Hier führt uns jedoch zunächst das Gotteswort in einen kleinen, engen Kreis ein, uns die Veranstaltung Gottes kennen zu lehren, die, von einem kleinsten, unscheinbaren Anfange aus, jenem der Entwickelung der Menschheit am Ende winkenden Ziele positiv fördernd als Herold und Werkzeug vorangehen soll. Es schließt das Kapitel mit einem Geschlechtsregister Schem’s bis auf einen einfachen Mann, der, ein Genosse jener Zeit, die zuerst das ‏נעשה לנו שם‎ als das fortan leitende Prinzip ausgesprochen hatte, in diametralem Gegensatz zu ihr seines Lebens Inhalt haben und als Inhalt eines ganzen Volkslebens auf seine Nachkommenschaft jenes ’‏קרא בשם ה‎ vererben sollte, in welchem die späteste Menschheit einst die Lösung ihrer langen Wanderjahre finden wird, auf, daß ihr weckend und mahnend dieses Ziel immer am Wege leuchte, und aus ihrer Mitte dessen Bewußtsein nie ganz verschwinde. —

9. Darum nannte er sie Babel, denn dort hat Gott die Sprache der ganzen Erde gemischt und von dort aus zerstreute sie Gott über die Fläche der ganzen Erde. 10. Dies sind die Nachkommen Schem’s: Schem war hundert Jahre alt als er Arpachschad zeugte, zwei Jahre nach der Entseelung. 11. Schem lebte, nachdem er Arpachschad gezeugt hatte, 500 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 12. Arpachschad lebte 35 Jahre, da zeugte er Schelach. 13. Arparhschad lebte, nachdem er Schelach gezeugt hatte, 430 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 14. Schelach lebte dreißig Jahre, da zeugte er Eber. 15. Nachdem er Eber gezeugt hatte, lebte Schelach 403 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 16. Eber lebte 34 Jahre, da zeugte er Peleg. 17. Nachdem er Peleg gezeugt hatte, lebte Eber 430 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 18. Peleg lebte 30 Jahre und zeugte Reü. 19. Nachdem er Reü gezeugt hatte, lebte Peleg 290 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 20. Reü lebte 32 Jahre und zeugte Serug. 21. Nachdem er Serug gezeugt hatte, lebte er 207 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 22. Serug lebte 30 Jahre, da zeugte er Nachor. 23. Nachdem er Nachor gezeugt hatte, lebte Serug 200 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 24. Nachor lebte 29 Jahre und zeugte Therach. 25. Nachdem er Therach gezeugt hatte, lebte Nachor 119 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 26. Therach lebte 70 Jahre, da zeugte er Abram, Nachor und Haran. 27. Dies sind die Nachkommen Therach’s: Therach zeugte Abram, Nachor und Haran, und Haran zeugte Lot. 28. Haran starb vor dem Angesichte seines Vaters Therach in seinem Geburtslande in Ur-Chasdim. 29. Abram und Nachor nahmen sich Frauen, Abram’s Frau hieß Sarai, Nachor’s Frau Milka, die Tochter Haran’s, des Vaters Milka’s und der Jiska’s. 30. Sarai war aber unfruchtbar, sie hatte keine Geburt. 31. Da nahm Therach seinen Sohn Abram und Lot Haran’s Sohn, seinen Enkel, und seine Schwiegertochter Sarai, die Frau seines Sohnes Abram, und sie gingen mit ihnen aus Ur-Kasdim um nach dem Lande Kenaan zu gehen; als sie aber bis Charan kamen, blieben sie dort. 32. Da nun Therach’s Tage 205 Jahre waren, starb Therach in Charan.