Die Schuhsymbolik im israelitischen Ritus

Posted 2 wks ago

Die Schuhsymbolik im israelitischen Ritus.
Von Ludwig Levy.

ln Brauch und Sitte lsraels begegnen wir dem Schuhsymbol, dem Ubergeben, Ausziehen und Abwerfen des Schuhs, einer Bildersprache, die ursprünglich einem bestimmten Gedankengang oder einer Handlung stärkeren, sinnfälligen Ausdruck verleihen sollte, später aber nicht mehr verstanden wurde. Die bekannteste Handlung, die wohl überhaupt als ältestes Zeugnis von Schuhsymbolik auftritt, ist die Chalizah. Die Bedeutung des Schuhausziehens in diesem Ritus ist bisher nur unvollkommen aufgehellt, die Kommentare zu den einschlägigen stellen Deut. 25,9 und Ruth 4, 7 geben nur dürftige Erklärungen. Die gewöhnliche Auffassung, das Werfen des Schuhs symbolisiere Besitzergreifung, das Ausziehen Verzicht auf einen Besitz, erschöpft den Sinn der Handlung nicht. Würde es sich nur um Verzicht auf einen Anspruch handeln, wenn die Schwägerin dem Levir den Schuh auszieht, woher käme dann der Schimpf, der doch offenbar dem ganzen Akt anhaftet? Was hätte es für einen Sinn, das Haus des sich Weigernden mit dem Namen »dessen, dem man den Schuh auszog«, zu brandmarken? Auch versagt diese Auffassung bei anderen Bräuchen und Sitten, bei denen das Ausziehen der Schuhe eine Rolle spielt. Was hat das Ausziehen der Schuhe an heiligen Stätten, an Fasttagen, besonders am Versöhnungstag oder in Trauerzeiten mit Besitzergreifung zu tun? Warum gehen die Angeklagten vor Gericht, die Gebannten und die Gefangenen barfuß? Wir sehen, die Deutung des Schuhs als Mittel der Besitzergreifung versagt hier, sie trifft wohl für einen Ausschnitt aus dem Komplex dieser Vorstellungen zu, aber die Schuhsymbolik im jüdischen Ritus greift viel weiter, sie findet ihre Parallelen in Sitten anderer Völker, die wir heranziehen müssen, um die ldeen dieser Symbolik zu finden.
Der Schuh ist Symbol der Macht, und zwar hattet diese Idee zunächst nicht am Schuh, sondern am Fuß. Wo man seinen Fuß hinsetzt, da will man herrschen, vordringen, erobern. Diese Vorstellung klingt noch in Ausdrücken nach wie »festen Fuß fassen, auf eigenen Füßen stehen, auf großem Fuße leben«. Die Römer setzten besiegten Feinden oder Sklaven den Fuß auf den Nacken. Dieselbe Sitte führt Grimm für das germanische Altertum an. Auch trat »in einigen geistlichen Lehnhöfen bei der Belehnung der Herr mit seinem rechten Fuß auf den des Vasallen. Man ergriff Besitz, indem man mit dem Fuß auf das Stück Land oder die Person trat«. Die Hochzeitsbräuche der verschiedensten Länder von lndien bis Deutschland zeigen uns den Bräutigam, der nach der Trauung der Braut auf den Fuß tritt, um die Macht in der Ehe an sich zu bringen. Das Zeichen der tiefsten Unterwerfung ist der Fußkuss, ebenso die Fußwaschung. Die unterste der vier altindischen Kasten, die der arbeitenden Sudra’s, ist aus Brahmas Füßen entstanden. Vom Fuß geht dann das Machtsymbol auf seine Bekleidung, den Schuh, den Pantoffel und die Sandale über. Omphale schlägt Heralcles mit der Sandale. Wir würden sagen, er war ein Pantoffelheld, oder: er stand unter dem Pantoffel. Plutarch schreibt (praec. pol. 17), die Griechen sollten nie vergessen, daß die Schuhe des römischen Magistrats über ihrem Haupte schwebten. Der Katholik küßt den Pantoffel des Papstes. Wer den Schuh auf ein Grundstück setzt, symbolisiert den Antritt des Besitzes. Bei den Juden genügt das Betreten nicht, es muß das Abschreiten des Feldes der Länge und der Breite nach hinzukommen. »Die Weisen sagen: Er nimmt das Feld nicht eher in Besitz, als bis er es nach Länge und Breite durchschritten hat« So wurde der Schuh zum Ackermaß, später zum Maß überhaupt. Wurde durch Betreten mit dem Schuh ein Besitzrecht erworben, wie leicht konnte sich da der Brauch entwickeln, durch Übergabe des Schuhs dies Recht weiter zu zedieren. Dieses Stadium haben wir in Ruth 4, 7 vor uns: »Und so war es vormals in Israel bei der Lösung und beim Tausch, um irgend etwas festzusetzen: Einer zog seinen Schuh aus und gab ihn dem andern, und das galt als Zeugnis in lsrael«. Derselbe Brauch findet sich »auch bei anderen Völkern, auf eine germanische Analogie verweist Grimm, a. a. O. S. 156, auf eine arabische Goldziher, Abhandl. zur arab. Philologie I, S. 47, Anm. 2 (zitiert Burton, The Land of Midian II, 197). Vgl. auch Holtzmann, Ind. Sagen II, S. 344, wo Farata zu seinem älteren Bruder Rama spricht:

»So ziehe, edler Raghaver,
Die goldgestickten Schuhe aus,
Zum Zeichen, das dein Erbe du,
Die Herrschermacht, mir überträgst.
Und Rama zog die Schuhe aus Und gab sie ihm«. —

Das Targum zu Ruth 4,7 setzt an Stelle des Schuhs den Handschuh der rechten Hand (נרתק יד ימיניה).‎ Zur Zeit der Abfassung des Targums war offenbar an Stelle des Schuhsymbols der Handschuh getreten. Interessant ist, daß diese beiden im jüdischen Brauch zeitlich aufeinander folgenden Symbole im germanischen Recht nebeneinander vorkommen. Grimms Hinweis auf den Schuh haben wir soeben zitiert, vom Handschuh sagt er (a. a. O. S.152): »Mit dargereichtem oder hingeworfenem Handschuh wurden bei Franken, Alamannen, Langobarden und Sachsen Güter übergeben, gleichsam ausgezogen und abgelegt«. ‏In‎ lsrael geriet der Brauch, durch Schuhausziehen den Besitzwechsel zu markieren, in Vergessenheit, Talmud (b. Bab. mez. 47 a) und Midr. r. z. St. wissen schon nicht mehr, wer den Schuh auszog und wer ihn in Empfang nahm. lbn Esra meint, man bediente sich gerade des Schuhs, weil dieser immer zur Hand ist. Später trat an Stelle des Schuhs ein Tuch.
Das Symbol der Macht des Einen entwickelt als notwendiges Korrelat die Demütigung des Andern. Mächtige Könige schickten geringeren ihre Schuhe, welche diese als Zeichen ihrer Unterwerfung anziehen mußten. Darum mußten Sklaven ihrem Herrn die Schuhe an- und ausziehen (b. Bab. bathr. 53 b). Gefangene wurden durch Ausziehen der Schuhe und Barfußgehen gedemütigt (Jes. 20, 2.4. 2. Chr. 28,15). So ist auch Ps. 60,10: ‏על אדום אשליך נעלי‎ »Auf Edom werf’ ich meinen Schuh« zu erklären. Das Bild drückt mehr aus als bloße Besitzergreifung, das Moment der Unterwertung und Demütigung tritt hinzu, wie ja auch das vorhergehende CMoab ist mein Waschbecken« Ausdruck tiefster Erniedrigung ist. Das Targ. gibt den Sinn des Bildes richtig wieder: Den Vornehmen Edoms werde ich den Fuß auf den Nacken setzen. Wieder beobachten wir hier dieselbe Eigenart wie beim Targ. zu Ruth 14, 7; das Targ. ersetzt den biblischen Brauch durch die zu seiner Zeit übliche Sitte oder Redeweise. Den Fuß auf den Nacken setzen (pedem imponere super cervicem) war römische Siegerart und Redeweise.
Es ist nun leicht erklärlich, daß der Angeklagte, der vor Gericht erschien, oder der mit dem Bann Bestrafte die Schuhe ablegen mußte. Sie wurden eben jeder Macht entkleidet. So wurden auch in Deutschland vogelfreie Verbannte entschuht. Bei Grimm, Deutsche sagen II, No. 384 weissagt ein Einsiedler von Theoderichs Tode: . . »gestern am Tage um die neunte Stunde sah ich, daß er entgürtet und entschuht mit gebundenen Händen in den Schlund des benachbarten Vulkans gestürzt wurde«. Grimm vergleicht dazu Lex salica tit. 61. Freiwillige selbstdemütigung ist das Ausziehen der Schuhe in Trauerzeiten und am Versöhnungstage. So ist auch das Ausziehen der Schuhe an heiligen Stätten zu verstehen. «Ziehe die Schuhe von deinen Füßen, denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden«, ruft die göttliche Erscheinung Mose am Dornbusch zu (Ex. 3, 5, ebenso Jos. 5,15). Wo Gott gebietet, darf der Mensch nicht mit dem Symbol der Macht und Herrschaft, dem Schuh, auftreten. Heute noch legen die Muhammedaner Schuhe und Sandalen ab, so oft sie eine Moschee betreten. Umsomehr mußten die Priester der verschiedensten Religionen, auch der israelitischen, ihren Dienst barfuß verrichten. Ja, bei den Annamiten würde es schon als ein grober Verstoß gegen die gute Sitte gelten, wenn man mit den Sandalen an den Füssen vor einem Vornehmeren erscheinen oder ein Haus betreten würde.
Ein etwas ferner liegendes Symbol muß auch in diesem Zusammenhang genannt werden: der Bundschuh der Bauernkriege. Der Bauer, der sich gegen die Adelsherrschaft empörte und statt der Fahne seinen Heeren den Schuh, und zwar seinen Bauernschuh, auf einer Stange vorantrug, drückte durch diese Bildersprache aus: Nun will ich Herr sein.
So kommen wir der Bedeutung der Chalizah näher. Wenn der Schuh das Symbol der Macht ist, die als notwendiges Korrelat die Demütigung des Andern mit sich zieht, so ist es begreiflich, daß die Handlung, durch die die Schwägerin den Levir der Macht entkleidet, für ihn, der über sie hätte verfügen können, zur Demütigung wird. Immerhin ist der Spott, der dem Akt anhaftet, noch nicht hinlänglich erklärt. Zum vollen Verständnis müssen wir noch eine andere Seite des Schuhsymbols heranziehen. Fuß und Schuh haben in Brauch und Sitte der Völker auch erotische Bedeutung, und zwar ist der Fuß Symbol des männlichen, der Schuh Symbol des weiblichen Geschlechtsorgans. Von der erotischen Bedeutung des Fußes im Hebräischen zeugen die Euphemismen ‏רגליו‎ Ex. 4,25, ‏מבין רגליה‎ Dt.28,57, ‏שער הרגלים‎ Jes. 7, 20. lm Slowenischen heißt das membrum tretja noga, der dritte Fuß. Daher auch die heute nur noch auf Hühner angewandte erotische Bedeutung von »treten«. ln vielen Lokalsagen lassen die Fußtritte von Rossen und Eseln, priapischen Tieren, fruchtbarmachende Quellen aus der Erde hervorsprudeln Von der erotisch-symbolischen Bedeutung des Schuhs erzählen auch manche sprichwörtliche Redewendungen und Gebärden. So gibt die Türkin, die ihren Mann auf Scheidung klagt, vom Kadi nach dem Grunde gefragt, Antwort, indem sie ihm den Pantoffel verkehrt hinhält. Der Beduine, der sich von seinem Weibe scheiden lässt, sagt: »ich habe meinen Pantoffel weggeworfen«. Ein Sprichwort, das den Mann vor Ehebruch warnt, lautet: »Man muß nicht die Füße in fremde Schuhe stecken«. »Ein schöner Schuh wird nie ein häßlicher Pantoffel«, spricht von der schönen Frau, der auch im Alter noch eine gewisse Anmut bleibt. »schöne Schuhe drücken oft am meisten«, schöne Frauen verursachen oft die größten Sorgen. Der Brautschuh ist Symbol der Jungfräulichkeit. Das Ausziehen der Brautschuhe, ein besonders in der Rheingegend verbreiteter Hochzeitsbrauch, hat dieselbe Bedeutung wie das Lösen des Brautgürtels und das Durchreißen des Brautkranzes. Auch in die Chalizah dürfte wohl dies erotische Motiv hineinspielen. Der Mann hat auf die Schwägerin verzichtet, darum entzieht sie sich ihm symbolisch durch Ausziehen des Schuhs. Sie löst das potentielle Eheverhältnis. Er hat kein Recht mehr auf sie, sie kann einen Anderen heiraten. lm Gegensatz zum Beduinen, der sich stolz rühmt: »Ich habe meinen Pantoffel weggeworfen«, kann sie sagen: »ich habe ihm den Pantoffel ausgezogen.« Darin liegt wohl der Spott, der an seinem Namen haften bleibt.
Die erotische Bedeutung des Schuhsymbols erklärt uns auch den Sinn einer Damenmode in talmudischer Zeit. »Fast phantastisch klingt es, daß zu besonderen Verführungskünsten die Frauen, wahrscheinlich als Symbol, eine Drachengestalt an ihren Schuhen anbrachten« (Krauß, Talmud. Archaeol. I, 8. 184). Der Drache oder die Schlange ist ein bekanntes Phallussymbol, das auf dem Schuh, dem Sinnbild des weiblichen Organs angebracht, eine deutliche Sprache redete.
Auf ein anderes Gebiet führt uns ein Aberglaube aus talmudischer Zeit. Man warnte vor dem Schlafen in Schuhen, das an den Tod gemahne. Der Brauch, den Toten für die bevorstehende große Reise Schuhe mitzugeben, ist über die ganze Erde verbreitet. Der Tote schläft also in Schuhen, daher soll es der Lebende nicht tun.
Erwähnung finde hier noch ein altarabischer Brauch, von dem Goldziher spricht. »Im Hadit wird mit besonderem Nachdruck verboten, daß Jemand nur an einem Fuß die Sandale trage; man möge entweder beide Füße damit versehen, oder beide davon entblößen. Die Ursache der Wichtigkeit, die dem Verbote beigelegt wird, ist in dem großen religiösen lnteresse zu suchen, das man daran hatte, die Gewohnheiten des Heidentums mit Stumpf und Stiel auszurotten. Der Bekenner des lslam sollte niemals so bekleidet erscheinen, wie es der heidnische Araber beim Higa war, welches der Prophet strenge verpönte. . . . Es ist zu bemerken, daß jene heidnische Sitte bei den alten Arabern nicht vereinzelt vorkam. Wir werden angeregt, den Brauch der Araber, beim Higa nur einen Fuß zu bekleiden, seinem weiteren Zusammenhange nach zu erfassen, wenn wir aus einem Fragment des Euripides (ed. Nauck 534) erfahren, daß die Aetoler bei kriegerischen Unternehmungen den linken Fuß unbeschuht zu lassen pflegten. Es wäre sehr erwünscht, wenn wir von Seiten der Folkloristen weitere Aufschlüsse über die Verbreitung ähnlicher Bräuche erhalten würden. Dadurch würde möglicherweise auch die innere Bedeutung der symbolischen Handlung dem Verständnisse näher gerückt werden«.
Den Brauch, mit nacktem linkem Fuß in die Schlacht zu ziehen, übernahmen nach Macrobius (5,18) die Herniker in Italien von den Aetolern. Bachoken (Mutterrecht 159) ist der Ansicht, in der Entblößung des linken Fußes liege die Darbringung des linken Schuhs an die Muttergottheit. Mir scheint eine andere Erklärung näher zu liegen: Die Mutter Erde, deren Kult weitverbreitet war, stärkt den Kämpfer, der durch den nackten Fuß in ständigem Kontakt mit ihr bleibt, wie im griechischen Mythus Antaeus im Kampf mit Herakles so lange unbesiegbar bleibt, als er die Gäa mit den Füßen berührt. Der arabische Brauch hat also wohl denselben Zweck wie das Wachsenlassen des Haares bei Kriegsgelübden (Ri. 5, 2): man erstrebt eine Erhöhung der Kraft für den Krieg. Der Krieg ist geblieben, nur die Rüstungen haben sich geändert.