47. - 57. Abschnitt - Über die Segensprüche, welche man des Morgens sagen muss

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Sobald man des Morgens erwacht, sage man: Mein G’tt, die Seele, die du mir gabst, ist rein u.s.w. – Hört man den Hahn krähen, sage man: Gelobt u.s.w., der du dem Hahn Verstand gabst, Tag und Nacht u.s.w., der du Nackte kleidest; legt man die Hände auf die Augen: der du Blinde sehend machst; setzt man sich: der du Gebundene befreiest; richtet man sich auf; der du die Gebückten aufrichtest; stellt man die Füße auf die Erde; der du die Erde über die Wasser spanntest (ausbreitest); zieht man die Schuhe an: der du mir alle meine Bedürfnisse verschaffest; geht man fort; der du die Schritte des Menschen bereitet hast; bindet man den Gürtel um; der du Israel mit Stärke gürtest; setzt man die Mütze oder den Hut auf; der du Israel mit Herrlichkeit krönest; wäscht man sich die Hände; über das Gebot die Hände zu waschen; wäscht man sich das Gesicht; der du den Schlaf von meinen Augen nimmst u.s.w.
 Jetzt werden alle diese Segensprüche erst in der Synagoge gesprochen. Jeder Israelit muss täglich wenigstens 100 Segensprüche sprechen. In König Davids Zeiten starben einst täglich 100 Israeliten, und man wusste die Ursache nicht. David hat endlich durch den heiligen Geist erfahren, dass jeder Jude täglich 100 Lobsprüche sprechen müsse. Auch muss jeder Israelite täglich die Sprüche beten: Gelobt u.s.w., dass du mich nicht als Nichtjude, als Sklave, als Frau erschaffen hast. Die Talmudisten haben einst in einer großen Zusammenkunft beratschlagt, ob es gut ist, dass der Mensch überhaupt erschaffen wurde, und haben beschlossen, dass es besser gewesen, wenn der Mensch nicht erschaffen worden wäre! und zwar aus dem Grunde, weil es ihm doch unmöglich ist, alle Gesetze zu beobachten und er doch der Strafe nicht entgehen kann; ein Proselyte muss sagen, dass ich kein Nichtjude mehr bin, darf sich aber des Wortes erschaffen nicht bedienen, denn er war’s ja – die jüdischen Frauen sagen: der du mich erschaffen hast nach deinem willen. Bei den deutschen Juden ist der Brauch allgemein, dass man auch den Segenspruch sagt: der du den Ermatteten Kraft gibst. – Vor dem Studieren, sei es in der Schrift, der Mischnah oder der Gemara (Talmud) muss ein Segenspruch gesprochen werden u.s.w. Alles, was man ganz geläufig auswendig hersagen kann, das braucht nicht innwendig abgelesen zu werden, sogar das Schma nicht. Bis das eigentliche Gebet (die 18 Hauptstücke) beendet ist, darf man mit dem Beten nicht innehalten. Zwischen einem Gesang und dem andern (den Psalmen) kann man nur Jemanden grüßen, der ehrwürdig und gelehrt ist, den Gruß erwidern kann man aber einem Jeden. In der Mitte eines Gesanges darf man nur den grüßen, vor dem man sich fürchtet, den Gruß erwidern darf man nur einem Ehrwürdigen. Den Vers 16 im 145. Kap. der Psalmen, du öffnest deine Hand u.s.w. muss man mit Andacht sagen, sonst muss er wiederholt werden. Die Gesänge sollen langsam gesagt werden; den 100. Psalm soll man singend sagen, denn zu den Zeiten, da der Messias erscheinen wird, werden alle Gesänge aufhören, dieser wird bleiben. Der Vorsänger muss ein ordentlicher Mann sein, ohne Sünde; er darf keinen bösen Ruf haben, auch von Jugend her  nicht, er   muss demütig, dem Volke recht sein, eine liebliche und angenehme  Stimme  haben, und muss in der  Schrift bewandert sein. Kann man keine  finden, der Alles dieses in sich vereinigt, so muss man den besten aus der Gemeinde wählen. Ist Jemand da, der zwar alt ist, auch eine liebliche Stimme hat und das Volk will ihn gerne haben, er ist aber ein Idiot, er versteht nicht was er spricht, hingegen ein Anderer, der zwar erst dreizehn Jahre alt ist, auch keine liebliche Stimme hat, er versteht aber die hebräische Sprache, so hat dieser den Vorzug. ein Vorsänger, der zu lange beim Beten verweilt, um seine liebliche Stimme hören zu lasse, aber in der Absicht, dass er G’tt (gelobt sei er) damit loben will, auf den komme Segen; aber er bete mit schwerem (gebückten) Haupte und stehe mit Zittern und Furcht vor G’tt. Ist aber seine Absicht bloß seine Stimme hören zu lassen, und er freut sich darüber, so ist er verabscheuungswürdig. Jedenfalls ist es nicht gut, zu lange zu beten, damit die Gemeinde nicht zu lange aufgehalten werde. Der Vorsänger soll mit ganzen und reinlichen Kleidern erscheinen u.s.w. Der Vorsänger kann sich Alters halber durch seinen Sohn, der würdig dazu ist, unterstützen lassen. Ein Vorsänger kann nicht abgesetzt werden, man müsste denn triftige Gründe, wegen Übertretung des Gesetzes dazu haben.

Das Kadisch
Das Kadisch ist ein hoch geachtetes Gebet; es wird nur vom Vorsänger in der Synagoge mehreremale, hauptsächlich aber nach dem Schlußgebet der Tephila (der 18 Gebete) gesprochen, mit mehrmaliger Unterbrechung der Gemeinde.
Die Übersetzung dieses Gebetes lautet wie folgt: Es werde sein (G’ttes) Name verherrlicht und geheiligt in der Welt, die Er nach Seinem Willen geschaffen hat, Er lasse auch Sein Reich regieren bei eurem Leben und in euren Tagen, und bei dem Leben des ganzen Hauses Israel, geschwind, und in der nächsten Zeit, und sprechet Amen, die Gemeinde fällt ein: Amen. Sein großer Namen sei gebenedeit ewig und in aller Ewigkeit (Sein Name sei gebenedeit, und sein Gedächniß gelobt in alle Ewigkeit). Der Vorsänger fährt fort: der Name des heiligen, gebenedeiten G’ttes, sei gebenedeit, gepriesen, erhaben, gerühmt, verherrlicht und gelobt über alle Benedeiungen und Gesänge, Lob und Trost, welche in der Welt gesagt werden, und sprechet: Amen. Die Gemeinde: Unser Gebet werde mit Barmherzigkeit und gutem Willen angenommen. Der Vorsänger: das Gebet und die Bitte des ganzen Hauses Israel werde  von ihrem Vater im Himmel abgenommen und sprechet Amen. Die Gemeinde: Der Name des Herrn sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Vorsänger: Es werde uns und dem ganzen Hause Israel ein großer Friede und Leben vom Himmel gegeben, und sprechet Amen. Die Gemeinde: Meine Hilfe kommt vom Herrn, der den Himmel und die Erde gemacht hat. Der Vorsänger (nachdem er erst drei Schritte rückwärts getreten, spricht endlich): Derjenige, der Frieden in Seinen Höhen macht (eine Anspielung auf die beiden Engel Michael und Gabriel, der erste ist über das Wasser, der zweite über das Feuer gesetzt, und ein Element vernichtet doch nicht gänzlich das andere), der wolle uns dem ganzen Hause Israel Frieden schaffen und sprechet Amen!
 Dies Kadischgebet wird in chaldäischer Sprache gesprochen. Die Ursache hiervon ist nach dem Berachoth, fol 3, folgende: Jedes Mal, wenn Israel auf das große Kadischgebet, vom Vorsänger gesprochen, mit den  Worten einfällt: Sein großer Name ist gepriesen u.s.w., bewegt G’tt sein Haupt und spricht: wehe den Kindern, welche vom Tische ihres Vaters vertrieben sind, und wehe dem Vater, den man so lobpreiset und der doch seine Kinder von seinem Tische vertrieb. Da nun die Engel, wenn sie sehen würden, dass sich G’tt grämt, schlecht auf uns zu sprechen wäre, deshalb wird das Kadisch in Chaldäisch gesprochen, denn diese Sprache verstehen die Engel nicht. – Dies Gebet hat nach dem Talmud und den Rabbinern eine große Wirkung; es erlöst aus der Hölle, in der ein jeder Israelite und Israelitin, und wenn sie auch noch so fromm waren, erst eine Zeit lang wandern müssen; daher muss beim Tode des Vaters oder der Mutter der hinterlassene Sohn, elf Monate lang täglich das letzte Kadisch statt des Vorsängers sprechen. Sind mehrere da, die sich zum Kadischsagen melden, so geht es der Reihe nach, einen Tag dieser, den anderen Tag jener, manchmal wird auch gelost. Auch wird oft zur Aushilfe von einem Rabbi etwas aus dem Talmude gesprochen, und nachher von einem der Trauernden das Kadisch gesagt. Im vierten Buch Joredeah, Absch. 376, wird mehreres davon vorkommen.
Noch ist zu erwähnen, dass in der Synagoge kein Gebet stattfinden kann, wenn nicht zehn Männer darin versammelt sind und bei Sprechung des Kadisch ist dies eben notwendig. Darüber sind noch viele und weitläufige Gesetze vorhanden. Im Falle der Not kann man einen Sklaven, eine Frau und einen Unmündigen über sechs Jahre, wenn er ein Chumisch (eines der fünf Bücher Moses) in der Hand hat mit zu Hilfe nehmen, falls nur neun Männer da sind.